Olga Martynova und die Papageien

Es ist ein Roman über die Zeit, über die Freundschaft, über das Verhältnis Russen und Deutsche: "Sogar Papageien überleben uns" von Olga Martynowa. Was die russische Lyrikerin bewog, einen Roman zu schreiben und anderes, erzählt sie im Interview.

Was für ein Auftritt! Der erste Roman von Olga Martynowa hatte es auf Longlist des Deutschen Buchpreises 2010 und auf die Shortlist des aspekte-Literaturpreises 2010 geschafft! Es war nicht das erste Mal für sie, dass eines ihrer Werke so hoch gelobt wurde: im Jahr 2000 wurde sie mit dem Hubert-Burda-Preis für junge Lyrik ausgezeichnet, und für den russischen Buchpreis war die 1962 in Krasnojarsk geborene Lyrikerin auch schon nominiert.

Ein besonderes Buch war schuld, dass Olga Martynova anfing, Prosa zu schreiben.

Von der Lyrik zur Prosa

Dass sie sich der Prosa zuwandte, hatte mehrere Gründe: "Ich habe vielleicht zehn Jahre überlegt", erzählte sie Anfang September in einem Interview, "ob ich mich in Prosa versuche. Ich hatte ziemlich viel Material, das ich unbedingt erzählen wollte, das aber nicht in Gedichtform passt, das eben nur in Prosa ausgedrückt werden kann. Und als ich Elke Erb besuchte, die vieles von mir und meinem Mann Oleg Jurjew ins Deutsche übersetzt hat, so wie ich vieles von ihr ins Russische, schenkte sie mir ein Buch von Joseph Roth. Es war ein wunderbares Buch, ich habe es auf der Rückfahrt im Zug nach Frankfurt verschlungen und bin darin über diesen Satz gestolpert: 'Sogar Papageien überleben uns'. Ich war glücklich und dachte, dass dies ein wunderbarer Titel wäre. Ich glaube, in diesem Moment ist die Entscheidung gefallen, dass ich doch ein Prosabuch schreiben würde."

Olga Martynova lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland, genauer in Frankfurt/Main. "Als wir 1991, mein Mann Oleg Jurjew, mein Sohn und ich nach Deutschland kamen, konnten wir überhaupt nicht Deutsch. Wir konnten aus den Kriegsfilmen 'Hände hoch' sagen, oder wir konnten Ausdrücke wie 'Trinkhalle' benutzen und weiter nichts. Ich habe angefangen, einfach zu lernen. In der Frankfurter Universität gibt es sehr gute Kurse für Akademiker. Und ich habe sehr viel gelesen."

Das Lob der Rezensenten, sie schriebe "feinstes Deutsch" freut sie natürlich. Wie sie über die Feststellung, ihr Roman wäre ein "Blog-Roman", erstaunt ist: "Natürlich weiß ich, was ein Blog ist, und ich lese gelegentlich Blogs. Ich habe aber noch nie an einem mitgewirkt. Vielleicht hat mich meine Intuition in eine formelle Nähe dieser interessanten Form gebracht, kann sein."

Literatur online

Das Internet spielt überhaupt eine große Rolle in Olga Martynovas Leben. "Das literarische Internet in Russland ist sehr gut entwickelt. Ich nütze es als Informations- und Kommunikationsquelle und als Möglichkeit der Verbindung mit Freunden und Kollegen. Außerdem gibt es eine Reihe von literarischen Portalen, die von Zeitungen und Zeitschriften betrieben werden. Dort werden literarische Werke online veröffentlicht."

Die Schnelllebigkeit des Internets war sicherlich auch ein Anstoß für das große Thema Zeit, das in dem Roman "Sogar Papageien überleben uns" in allen möglichen Varianten beleuchtet wird. "Zeit und Vergänglichkeit ist wirklich ein großes Thema. Gerade heute, wo alles mit Hilfe des Internets so leicht erreichbar ist und gerade deshalb so schnell vergeht, dann will man 'behalten'. Eine der wichtigen Aufgaben der Kunst, jeder Kunst, ist es, so viel wie möglich zu retten, zu bewahren. Vielleicht ist die Zeit ja auch gar kein Gegner in diesem Prozess, wer weiß. Fest steht, dass die Zeit in der Kunst eine wesentliche Rolle spielt."

Ganz augenfällig wird die Rolle der Zeit in ihrem Roman: Jeder Abschnitt beginnt mit einer dreizeiligen Zeitleiste, in der gefettete Jahreszahlen vom 5. Jahrtausend v.Chr. bis ins Jahr 2006 den Leser durch die oft verschlungenen Gedankengänge und Erinnerungen führen. Die Idee dazu, bekennt Olga Martynova, habe sie geträumt. "Ich wachte eines Tages mit dieser Idee auf und lief sofort zum Computer, um diese Idee nicht zu vergessen. Die Kapitel waren schon fertig, und diese Zeitleiste war gewissernaßen der letzte Schliff."

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Olga Martynova, "Sogar Papageien überleben uns", Roman, Droschl

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