Christo arbeitet ohne Jeanne-Claude

Ziemlich genau vor einem Jahr starb die Künstlerin Jeanne-Claude im Alter von 74 Jahren an einem Gehirnaneurysma. Sie war gemeinsam mit ihrem Ehemann Christo mit spektakulären Verhüllungsaktionen bekannt geworden. Nach dem Tod seiner Frau hatte der Künstler mit dem Alltagsleben Probleme, setzte aber das letzte gemeinsame Projekt fort.

Kulturjournal, 08.11.2010

Die Verhüllung des Arkansas River im US-Bundesstaat Colorado geht weiter. Bei diesem Projekt wirke der Geist seiner Frau, in ihm lebe sie weiter, sagte Christo einmal.

Streit vor der Kamera

"Jeanne-Claude ist immer bei uns! Wir hatten das Glück, von Albert und David Maysles gefilmt zu werden, zwei der besten amerikanischen Dokumentarfilmer", erzählt Christo. "Da kann man sehen, dass wir vor der Kamera häufig gestritten haben. Jeanne-Claude war immer kritisch und diskussionsfreudig. Ich glaube, das war ihre wertvollste Eigenschaft."

Der in New York lebende Aktionskünstler Christo über den Tod seiner Ehefrau und künstlerischen Partnerin Jeanne-Claude: "Ein Künstler arbeitet ja gewöhnlich alleine in seinem Studio, vielleicht lädt er ab und zu ein paar Kritiker oder Freunde ein, mit denen er seine Arbeit diskutiert, aber ansonsten trifft er Entscheidungen allein. Mit Jeanne-Claude gab es eine permanente kritische Auseinandersetzung. Wenn Jeanne-Claude etwas nicht wollte, dann kam es überhaupt nicht in Frage, dass es anders gemacht wurde. Und das ist es, was ich wahrscheinlich am stärksten vermisse."

Allein im gemeinsamen Haus

Howard Street, Downtown Manhattan: Hier, zwischen den Stadtvierteln Soho, Little Italy und Chinatown residierten bis vor kurzem noch Christo und Jeanne-Claude gemeinsam in einem alten Fabrikgebäude. Seit 1964, zunächst als Mieter, dann als Besitzer des Hauses, das von außen unauffällig wirkt. Nach dem tragischen Tod seiner Frau lebt Christo jetzt hier allein.

"Unser Haus ist das Nervenzentrum für unsere Projekte", sagt der Künstler. "Hier zeichne ich und arbeite weiterhin an den Entwürfen. Was das Büro betrifft, so haben wir großes Glück gehabt. Jeanne-Claude war so intelligent, drei junge Assistenten zu gewinnen, die mir jetzt helfen. Einer ist ihr Neffe, der kümmert sich um die Banken und das Bezahlen von Rechnungen. Der zweite beschäftigt sich mit den Dingen, die mit der Kunst zu tun haben. Und mein Neffe Vladimir macht alles, was an Praktischem anfällt. Zum Beispiel Auto fahren. Ich habe keinen Führerschein, und ich verstehe überhaupt nichts von Computern."

Hingabe und Überzeugung

Gestenreich und einnehmend spricht Christo, ein wenig schmaler noch als noch vor ein paar Monaten. Das Haar ist weiß geworden. Noch immer mit der englischen Sprache kämpfend, aber mit Hingabe und Überzeugung auf die Fragen antwortend, Christo lächelt und spricht nach dem Tod von Jeanne-Claude weiterhin von "wir"; stets freundlich, in kariertem Hemd, verschlissener Jeans und blauen Turnschuhen.

"Wir sind überhaupt keine Anhänger irgendeiner Religion. Jeanne-Claude liebte 'Imagine' von John Lennon, vor allem die Textzeile 'Imagine there's no religion too'. Sie hat immer darüber gewitzelt, dass die Sonne der einzige Gott ist, an den sie glaube. Denn ohne die Sonne, würde es kein Leben geben."

Installation im Central Park

Seit fast 50 Jahren haben Christo und Jeanne-Claude Landschaften und Gegenstände in aller Welt verhüllt: den Pont Neuf in Paris, elf Miniinseln vor Miami, den Berliner Reichstag und zuletzt 2005 wurden im winterlichen New Yorker Central Park 7.500 Vinylrahmen aufgestellt und mit einem safranfarbigen Nylongewebe bespannt. Vorausgegangen waren 26 Jahre Vorbereitungszeit und viele öffentliche Diskussionen: "Jeanne-Claude und ich sind Tatmenschen. Wir haben niemals Urlaub gemacht, wir hatten höchstens 'Arbeitsferien'. Wir leben durch die Kunst. Jeanne-Claude hat einmal gesagt: Wir arbeiten zu Hause. Heute würde sie sagen: Wir schlafen im Büro. Leben und Arbeiten waren bei uns nie getrennt. Überall kleben an den Wänden noch Notizzettel von ihr. Sie lebt weiter. Da gibt es diese ununterbrochene kreative Tätigkeit. Das ist ein großes Geschenk, weil ich diese Art zu arbeiten liebe. Ich habe keine Sekunde für unser Projekt 'Over the River' zu verlieren."

2013 will Christo Teile des Arkansas River in Colorado mit halb transparenten Stoffbahnen überdachen. Seit 1992 laufen die Vorbereitungen für "Over the River", als kongeniales künstlerisches Team haben er und Jeanne-Claude auf der Suche nach dem richtigen Gelände 89 Flüsse und sieben US-amerikanische Bundesstaaten aufgesucht und bereist. Ein 1.460 Seiten umfassendes Exposé liegt den zuständigen US-Behörden vor. Ausgearbeitet bis zur letzten Verankerungsschraube lässt sich darin nachlesen, wie "Over the
River" realisiert werden soll. Im Mai 2011 werden die Regierungsstellen über die Genehmigung entscheiden.

Poetische Dimension

"Das ist der Blutzoll, den wir für unsere Projekte bezahlen müssen. Jeanne-Claude aber würde sagen, es ist eine Freude. Für gewöhnliche Künstler ist es vermutlich der Horror, sich mit Behörden herumschlagen zu müssen, um für das eigene Kunstwerk eine Genehmigung zu erhalten. Aber für uns ist das kein Horror, sondern hat eine poetische Dimension. Stellen Sie sich vor: Unsere Projekte werden lange bevor sie zu sehen sind bereits kritisiert. Das ist wahrscheinlich die große Kraft unserer Arbeit, dass sie eine unglaubliche Energie freisetzen, die von uns nicht absichtlich inszeniert wird. Wir sind keine Masochisten, wir würden unsere Projekte auch gern mit weniger Aufwand und weniger finanziellem Risiko realisieren. Können sie sich übrigens vorstellen, dass wir bereits acht Millionen Dollar für 'Over the River' ausgegeben haben, ohne über eine Genehmigung zu verfügen? In 50 Jahren haben wir 22 Projekte realisiert, für 37 Vorhaben haben wir keine Genehmigung erhalten. Das Leben als Künstler besteht aus Risiken. Es geht uns um reale, nicht imaginäre Dinge!"

Stoffpaneele, die horizontal frei schwebend hoch über der Wasseroberfläche gespannt werden, sollen der Form des Flusses und der unterschiedlichen Breite seines Verlaufs folgen. Etwa 10 Kilometer des insgesamt 60 Kilometer langen Arkansas River sollen von dem transparenten Stoff überspannt werden. All ihre Projekte wirken polarisierend: Für die einen sind Christo und Jeanne-Claude Scharlatane, für ihre Fans gehören sie zu den bedeutendsten Gegenwartskünstlern unserer Zeit.

Sohn ist Tierschützer

Unberührt von ihren Kunstaktionen aber bleibt wohl niemand - vielleicht mit Ausnahme des eigenen Sohnes, der an keinem der elterlichen Projekte bislang beteiligt war: "Unser Sohn geht seine eigenen Wege. Er ist ein unromantischer Aktivist, kämpft für Menschenrechte, ist Tierschützer. Wenn sie mit ihm telefonieren, würde er ihnen zwei Stunden lang erklären, was alles falsch läuft. Wissen sie, er will die Welt retten. Er hat seine Vorstellungen vom Leben, wir haben die unsrigen. Aber zum Glück ist er kein Banker geworden!"