Geschichten über Leben, Liebe und Tod

Das Brünn des Jiri Kratochvil

Mit den oft surrealen Geschichten seiner "Brünner Erzählungen" setzt der Schriftsteller seiner Heimatstadt ein literarisches Denkmal. Der Leser sei gewarnt: Die Lektüre des Buches könnte die Lust auf eine Reise nach Brünn wecken.

Wörtlich darf man Kratochvils Geschichten nicht nehmen: In der Erzählung "Karpfen" kauft sein Großvater zwei lebende Fische am berühmten Krautmarkt. Er steckt ihnen Rum-getränkte Brotkrumen ins Maul, verstaut sie in seiner Aktentasche und versumpft darauf mit den beiden vom Alkohol betäubten Karpfen in der Tasche in einer Kneipe. Er selbst kaufe nicht Karpfen ein, das besorge seine Frau, erzählt Kratochvil.

Der Schriftsteller wohnt heute in Moravsky Krumlow, einer Kleinstadt in der Nähe von Brünn.

Buddha in der Einkaufspassage

In Brünn sucht Jiri Kratochvil Zerstreuung an den Orten seiner Kindheit - in Vororten wie Zabovresky und im Stadtzentrum. Kratochvils Erzählungen spielen an diesen realen Orten Brünns. Mitunter ist ein Gebäude selbst der Mittelpunkt einer Geschichte - etwa das Palais Alfa, ein wenig beachtetes aber mustergültiges Beispiel funktionalistischer Architektur. Heute ist es eine Einkaufspassage.

Die Passage Alfa, jener Kern in der Schale des Palais Alfa, ist so eine Art Zen-Raum. Obwohl es dort kleine Läden, Geschäfte, ein Cafe, ein Theater, die Gänge auf der Galerie und mehrere Stiegen, Eingänge, Ausgänge und Durchgänge gibt, ist es eine Oase der Ruhe; man geht durch die Passage, als würde man einen grenzenlosen Augenblick durchschreiten, ohne sich dessen bewusst zu sein. Die Buddhisten brauchen in Brünn gar keinen Tempel zu errichten, es genügt, die Passage Alfa zu einem solchen zu weihen.

Fantasie ohne Kontrolle

Als Schriftsteller hatte Kratochvil kein leichtes Leben: Wegen kritischer Erzählungen bekam er Publikationsverbot und verdiente seinen Lebensunterhalt als Heizer, Kranfahrer und Hilfsarbeiter, er war Lehrer und Bibliothekar. Seine vielseitigen Erfahrungen aus dem beruflichen Umfeld lässt der Schriftsteller in seine Geschichten einfließen: Die blühende Fantasie Kratochvils - mit der er viele Grenzen überschreitet, auch die von Raum und Zeit - hat ihre Wurzeln in den unüberwindlichen Grenzen seines realen Lebens: Bis zur Wende 1989 kam er nicht über die Grenzen des Landes hinaus.

Späte Rache

Häufig verwendet Kratochvil die Namen von realen Personen, die er im Laufe seines Lebens kennen gelernt hat und er verbindet diese Namen mit erfundenen Handlungen, mit komischen oder grotesken Menschen - oft zum Ärger der Betroffenen. Realen Hintergrund hat auch seine Erzählung "De profundis". Sie ist um ein honoriges Parteimitglied der Kommunistischen Partei gesponnen - um den sogenannten "Oberst Alzheimer". Kratochvil war ihm am Bahnhof von Brünn begegnet, als er um eine Fahrkarte anstand.

Seine Lieblingsbeschäftigung bestand darin, durch die Straßen der Stadt zu streifen und wo immer er eine Schlange sah, in der Menschen egal aus welchem Grunde anstanden, suchte er sich eine beliebige Person in der Mitte dieser Schlange aus, zückte den Ausweis eines verdienten Parteimitglieds und erzwang sich auf arrogante Weise, von dem betreffenden vorgelassen zu werden. Eine Zeit lang stand er einfach nur so da, dann zog er wieder ab und machte sich auf die Suche nach einer neuen Warteschlange. Niemand wagte zu widersprechen, und wenn ein Wartender auch nur brummte, fragte er ihn prompt, ob ihm etwas nicht gefiele.

Service

Buch: Jiri Kratochvil, "Brünner Erzählungen", Braumüller Literaturverlag

Braumüller - Jiri Kratochvil