Roman Haubenstock-Ramati

Dem Komponisten Roman Haubenstock-Ramati ist beim Festival Wien Modern ein Schwerpunkt gewidmet. Der 1994 verstorbene Komponist hatte in der Szene der zeitgenössischen österreichischen Musik die Rolle des musikalisch etwas distanzierten, humanistischen, liebevollen Skeptikers inne.

Haubenstock-Ramati im Gespräch

Das war auch eine Gegenposition zu Kollegen und Haltungen, die viel bruchloser der emotionalen Expression oder der urbanen Unterhaltung verhaftet geblieben waren. Und Roman Haubenstock-Ramati hatte die Gabe, seine Haltung in aphoristischer Kürze auf den Punkt bringen zu können.

Am Anfang ist der Fehler

Haubenstock-Ramati über die Bemerkung "Am Anfang ist der Fehler":

Ja, das ist der Lieblingsspruch für meine Schüler. Die haben immer Angst, Fehler zu machen. Ich finde, wenn jemand fehlerlos komponiert, immer weiß, wo er ist, immer weiß. wohin er will, dann bedeutet das nur, dass er im Grunde genommen nicht sich selbst sucht. Dieser Spruch hat mir und meinen Schülern, glaube ich, ziemlich viel geholfen. Erstens haben sie die Angst verloren. Es gibt ja überhaupt keinen Fehler. Es gibt nur die Möglichkeit, es so oder so zu machen.

Ernst im Spaß

Wenn Roman Haubenstock-Ramati sinniert hat, sind oftmals zwei Charakteristika unüberhörbar: Ein Alltagserlebnis steht am Beginn solcher beinahe zu Leitsprüchen werdenden Sätze, und sie haben die Tendenz, sich zu verselbständigen. Das Alltägliche als das Besondere, das Kleine im Großen, der Ernst im Spaß.

Diese Sprüche und Aphorismen sind immer verbunden mit irgendeiner Erinnerung. Ich erinnere mich an diesen alten polnischen Film über Chopin und seinen Lehrer; ein romantischer Film, aus der Zeit als ich noch klein war. Chopin hat improvisiert und sein Lehrer ging im Garten auf und ab und schrie: "Dis. Dis, nicht D", und schrie: "Fehler, Fehler". Und irgendwann, Jahre später erinnerte ich mich daran: Also am Anfang - bei Chopin - war der Fehler. Und diese Erkenntnis ist dann auch ohne Chopin gültig geblieben. Diese Sprüche sind also Dinge, die später im Leben eine Bedeutung bekommen, oder eine Mehrdeutigkeit, die werden größer, werden breiter, bekommen manchmal statt einer spaßigen eine gar nicht spaßige Bedeutung.

Autobiographie in Stichworten

Die Universal Edition und sein jahrzehntelanger Leiter in Wien, Alfred Schlee, waren für Haubenstock-Ramati von lebensprägender Bedeutung in einer Zeit, in der sich nach Lebensgefahr und Kriegswirren Hoffnung abzuzeichnen beginnt.

1991, in einem Studio des Wiener Funkhauses, versucht Roman Haubenstock-Ramati eine Autobiographie in Stichworten.

Also geboren in Krakau, Gymnasium, Universität, Komposition bei (Artur) Malawski, später (Józef) Kofler, Musikologie, Krieg. Von Krakau nach Lemberg, dort Komposition beendet. Dann Gefängnis, man hat mich verhaftet als Spion oder was weiß ich was, aber auf jeden Fall; dadurch hat man mir das Leben gerettet, weil: man hat mich nach Sibirien verschleppt und ... alle Freunde in Lemberg sind umgebracht worden. Also diese Verhaftung hat mir eigentlich das Leben gerettet, obwohl ich damals gedacht hatte, das ist das Ende. Dann in der polnischen Armee, im Middle-East, im Nahen Osten bis zum Ende des Kriegs. Dann nach dem Krieg hab ich erfahren, dass nur meine Schwester und ein Bruder überlebt haben in Polen, also meine Eltern und mein anderer Bruder nicht. Wegen der materiellen Situation sind wir nach Polen zurück mit Pass und Visum für ein Jahr. Lernte meine Frau kennen. Wir haben geheiratet. Ich habe um Visumsverlängerung gebeten. Weil sie keinen Pass hatte, musste ich meinen schicken. Den hab ich nie wieder gesehen. Dann haben wir einfach alle paar Monate um Ausreise gebeten und es ist gelungen, im Sommer 1950 nach Israel auszuwandern. In Israel habe ich die Central Library of Music gegründet, natürlich mit amerikanischem Geld. Dann habe ich auch als freier Lektor an der Universität und an der Musikakademie in Tel Aviv unterrichtet. Dann 1957 Stipendium nach Frankreich, mit Familie, also mit Frau und kleinem Sohn nach Paris. Dann Angebot von Universal Edition erstens einen Vertrag über meine Werke und eventuell die Möglichkeit, als Lektor nach Wien zu kommen. Und das habe ich getan und seit Ende 1957 bin ich in Wien. Dann bin ich Professor geworden hier in Wien und jetzt bin ich hier im Radio.

Graphische Partituren

Manche Partituren von Roman Haubenstock-Ramati kennen keine traditionelle Note und er hat auch die erste Ausstellung in Europa betreut, die sich dem Phänomen der "graphischen Partitur" widmete, 1959 in Donaueschingen. Manche dieser Spielanweisungen könnten genauso gut in einer Galerie hängen und an Sprach- und Geometrieexperimente der 60er Jahre erinnern, wäre da nicht - zumindest manchmal - eine metikulöse Spielanleitung dabei, die jedem der Symbole genaue klangliche Bedeutung verleiht.

Offen bleibt die Dramaturgie, der individuelle Ablauf, die formale Gestaltung, doch auch diese Offenheit kann vom Interpreten nur nach genau durchdachten Spielregeln des Komponisten umgesetzt werden.

Das Mobile und der von Roman Haubenstock-Ramati geprägte Begriff "dynamisch geschlossene Form" sind inhaltliche Brennpunkte im Schaffen und Denken des Komponisten. "Am Schönsten", heißt es in den Schriften des Komponisten einmal, sind die Rätsel, die verschiedene Lösungen zulassen: man kann immer sagen, dass die Lösung (nicht) stimmt."

Es ging mir um Mehrdeutigkeit. Das war 1957. Ein Anstoß kam von den Werken Alexander Calders. Es geht um Zusammenhänge, die sich nie wiederholen werden, eben um Vieldeutigkeit. Immer gleich und immer anders. Ich nannte das die "Dynamisch geschlossene Form". Je mehr Wiederholung, desto mehr Variation.

Die Form der Mobiles

John Cage zielt auf die Auflösung des Objekts Kunstwerk zugunsten des Subjekts Rezipient, doch Roman Haubenstock-Ramati hält sich näher an die wiederholende Variation der Objekthaftigkeit von Alexander Calders Mobiles und seine immer noch, wenn auch als bewegliche Objekte, in ihren Grenzen erfahrbaren Kunstwerke.

Das Kunstwerk, auch das musikalische, verliert zwar seine fest umrissenen Grenzen, aber gewinnt dadurch eine neue Identität: die Gewissheit der Beweglichkeit, die Bestimmtheit der Veränderung, alles Eigenheiten, die an der Grenze von Formalem und Emotionalem wirklich fast wie Charakterzüge wirken.

Service

Die zitierten Texte stammen aus dem 1989 veröffentlichten Buch "Musik-Graphik. Pre-Texte.", erschienen bei Ariadne

ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Dirigent: Beat Furrer; Werke von Anton Webern, Roman Haubenstock-Ramati und Morton Feldman, Freitag, 19. November 2010, 19:30 Uhr, Wien Modern, Wiener Konzerthaus

Wien Modern
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