Experte kritisiert Schuldebatte

Seit Wochen wird heftig über eine Schulreform diskutiert. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wer künftig für die Lehrer zuständig sein soll. Diese Diskussion hält der Bildungsexperte Andreas Salcher für völlig verfehlt: Wer für die Lehrer zuständig ist, sei eine reine Machtfrage, mit einer Bildungsreform habe das nichts zu tun.

Mittagsjournal, 25.11.2010

Diskussion über falsche Fragen

Für den Bildungsexperten Andreas Salcher geht die aktuelle Schuldebatte in die völlig falsche Richtung: "Es gibt eine ideologisierte Gesamtschuldebatte, eine Lehrerdienstrechtsdebatte, ein Machtverteilungsdebatte zwischen Bund und Ländern." Aber Fragestellungen, um die es wirklich geht, würden nicht angegangen, so Salcher: Wie bekommt man die besten Lehrer und wie schafft man Schulen mit Nachmittagsunterricht? Und das obwohl die internationale Kritik an unserem Schulsystem ständig zunehme, von den zu erwartenden schlechten Ergebnissen beim neuen Pisa-Test ganz zu schweigen, so Andreas Salcher.

Machtfrage irrelevant

Die Schuldebatte scheint sich auf die Frage zu reduzieren, ob die Lehrer künftig beim Bund oder bei den Ländern angestellt sein sollen. Doch diese Frage spiele für die Qualität des Schulsystems überhaupt keine Rolle: Das sei für die Bildungsdebatte völlig irrelevant, weil der Lehrer dadurch nicht besser oder schlechter werde, so Bildungsexperte Andreas Salcher. Bei dieser Frage gehe es rein um Macht: "Wer die Macht über die Lehrer hat, der hat die Macht über das Schulsystem." Wenn die Länder die Lehrer anstellen und für ihren Einsatz verantwortlich sind, dann brauchen wir keine Bildungsministerin mehr. "Das ist dann eine reine Repräsentationsfunktion." Der wahre Einfluss liege beim Direktor, so Salcher.

Kontrolle über Generationen?

Direktorenposten werden seit Jahrzehnten in erster Linie nach Parteibuch vergeben. In keinem anderen demokratischen Land der Welt haben die politischen Parteien einen so großen Einfluss auf das Schulsystem wie in Österreich, kritisiert Salcher. Und diesen Einfluss wollen sich die Parteien nicht nehmen lassen, "weil man die Illusion hat, dass man damit die Kontrolle über die nächste Generation gewinnen kann." Dass das eine Illusion ist, zeigten die Wahlergebnisse bei den Jungwählern, so Salcher.

Gute Bildung nur für Wohlhabende?

Der Ausblick des Bildungsexperten Andreas Salcher auf die Bildungsreform ist durchwegs pessimistisch: "Es wird gar nichts passieren, wie immer im österreichischen Schulsystem. Es gibt einen großen Sturm, und dann bunkern sich alle ein, und dann bleibt alles wie es ist." Kommt nicht bald eine grundlegende Bildungsreform, dann wird es einen immer größeren Boom auf die Privatschulen geben. Alle die es sich leisten können, gehen dort hin, die schlechten Lehrer bleiben für die öffentlichen Schulen und die bildungsfernen Schichten übrig - ein Schreckensszenario, sagt Andreas Salcher.