Fotograf der (nicht) existierenden Objekte

Der US-Amerikaner Trevor Paglen ist Autor, Experimentalgeograph und Künstler. Er fotografiert Orte und Objekte, die nicht gesehen werden sollen und die offiziell nicht existieren - etwa Spionagesatelliten oder Luftwaffenstützpunkte - meist unter Zuhilfenahme von aufwändigen Foto-Technologien.

Etwas Geheimes sichtbar machen - das hat natürlich einen politischen Unterton, auch wenn er sich nicht als Aufdecker sieht. Bekannt wurde er mit seiner Publikation "Torture Taxi", einer Recherche über die "extraordinary rendition" genannten Flüge, mit denen Gefangene außerhalb des rechtlichen Rahmens nach Guantanamo transportiert wurden.

Kulturjournal, 26.11.2010

Trevor Paglen hat ein Kunststudium abgeschlossen und im kalifornischen Berkeley seinen Doktor in Geografie gemacht. In beiden Feldern, im akademischen Umfeld ebenso wie in der Kunstszene, bewegt er sich so selbstverständlich, dass eine Unterscheidung obsolet wird. Geographie kann Kunst sein, und Kunst kann wissenschaftliche Recherche sein.

Für die Fotografie begann er sich 2001 zu interessieren: "In der Zeit nach 9/11 wurden Leute festgenommen, weil sie etwa von der Brooklyn Bridge oder anderen Sehenswürdigkeiten Fotos machten. Fotografieren wurde verdächtig - auf einmal war es ein potenziell gefährlicher Akt. Damals hinauszugehen und zu fotografieren hieß nicht nur Fotos machen, sondern: auf sein Recht, Fotos machen zu dürfen, bestehen. Fotografie und Politik wurden auf eine kulturell neue Weise miteinander verwickelt."

Fotos mit Vorarbeit

Fotografie ist für Paglen daher nicht nur das Resultat - ein Bild, das man sich an die Wand hängen kann - oder der Akt, auf den Auslöser zu drücken, sondern ein Prozess, der sich über Jahre ziehen kann, wenn die Vorarbeit es verlangt. Besonders Recherche-intensiv ist sein Langzeit-Projekt "The other night sky", das Spionagesatelliten in der Umlaufbahn der Erde dokumentiert.

Offizielle Informationen über Flugobjekte im All sind - für Wissenschaftler - über das United States Strategic Command zu erhalten, also jene Stelle, die für das US-Militär die Weltraumaktivitäten beobachtet und diese in einem Verzeichnis publiziert - Satelliten aller Nationen ebenso wie Weltraumschrott.

"Das Verzeichnis listet Daten auf, die offiziell bekannt sind", erläutert Paglen, "wenn man zu einer bestimmten Uhrzeit in der Nacht am Himmel etwas sieht, kann man genau aufzeichnen, wo und wann man es gesehen hat. Ist es im Militärischen Verzeichnis enthalten, dann weiß man: Es handelt sich um ein konventionelles Objekt. Ist es allerdings nicht drin, dann muss es etwas Geheimgehaltenes sein. Rund um die Welt gibt es eine Gruppe von Amateur-Astronomen - vor allem in Großbritannien, Kanada und Südafrika, weniger in den USA - die als Hobby die 'Fußnoten' zum offiziellen Verzeichnis erstellen. Das heißt: Sie sammeln Daten über all die geheimen Flugobjekte, die sich in der Umlaufbahn der Erde befinden."

Amateure und Astronomen

Um diese Flugobjekte fotografieren zu können, muss Paglen nicht nur über deren Laufbahn Bescheid wissen, sondern auch über entsprechende fotografische Ausrüstung verfügen. Über die riesigen Objektive und andere High-Tech-Geräte, die Paglen zum fotografieren verwendet, mögen sich Kollegen amüsieren, doch für ihn sind die Geräte Hilfsmittel, um die Welt anders zu sehen als mit bloßem Auge, sagt Paglen.

Die Bilder, die dabei entstehen, sind erstaunlich schön, fast kitschig. Ein großformatiges Foto, das in der Secession zu sehen ist, zeigt etwa Hunderte konzentrische Kreise, weiße Linien auf dunklem Hintergrund, dazwischen einige wenige weiße Punkte. Geschossen wurde das Bild auf dem Nordpol mit einer mehrstündigen Belichtungsdauer - die Kreise sind die Laufbahnen von Sternen, während die fixen Punkte eben jene geheimen Satelliten sind, deren Bewegung der Erdrotation folgt.

Beweisführung ins Weltall

Selbsterklärend sind diese Bilder nicht - ebenso wenig wie die verschwommenen Aufnahmen von Luftwaffenstützpunkten in der Wüste, die Paglen aus mehreren Kilometern Distanz aufgenommen hat. Es geht ihm darum, eben die Unsichtbarkeit dieser Objekte sichtbar zu machen, nennt Paglen als Grundmotiv seiner Arbeit, die Grenzen der Sehkraft zu zeigen und auch die Glaubwürdigkeit von Beweismaterial in Frage zu stellen.
Sollen wir ihm glauben, dass das unscharfe Flugzeug ein Shuttle zu einer geheimen Militärbasis in Nevada ist? Oder dass er den Punkt, der einen Spionagesatelliten darstellen soll, nicht digital hinzugefügt hat?

Die Codes der Unsichtbaren

Die Antworten sind teilweise in seinen Büchern zu finden, die er über die Rechercheprojekte herausgibt. Eines davon ist einem skurrilen Phänomen gewidmet: nämlich Emblemen und Logos geheimer Organisationen. "Im Militär spielt die visuelle Kultur eine große Rolle: man trägt Uniformen mit Abzeichen und Emblemen. Diese signalisieren wer der Träger ist, für wen er in welcher Position arbeitet und welchem Programm er zugeordnet ist. Erstaunlicherweise trifft das auch auf jene Menschen zu, die an Projekten arbeiten, die offiziell überhaupt nicht existieren. Ich sammle Dokumente dieser visuellen Kultur schon seit Jahren, Aufnäher, Bilder, Aufkleber. Interessant ist, dass ihre interne Sprache einem eigenen Wortschatz und Grammatik folgen. Wenn man sie entschlüsseln kann, bekommt man auch eine Vorstellung von den Geheimprojekten, um die es sich handelt.

Hommage an Moybridge

Aktuell gilt sein Interesse der Geschichte der visuellen Wahrnehmung, die im 19. Jahrhundert mit der Einführung des Eisenbahnnetzes und der Erfindung von Telegraphen und Fotografie, radikale Erweiterungen erfuhr. Parallelen dazu sieht er in der neuen Weltwahrnehmung, die heute Technologien wie Satellitenfotografie, Internet oder Infrarotbilder bedingen: das Verhältnis von Zeit und Raum wird neu konfiguriert.

Für die Bilder-Serie "Time Study" hat er in der Wüste von Arizona amerikanische Kampfjets abgelichtet. Die Predator-Drohne ist ein unbemanntes Flugzeug, das in den letzten Jahren zunehmend bei den US-Militäreinsätzen in Pakistan und Afghanistan verwendet wurde. Gesteuert wird es über Satelliten von Piloten in den USA. "Auf diesen Fotos werden diese Maschinen, die der extremen Beschleunigung der Zeit dienen, radikal verlangsamt, in übertragenem Sinne. Deshalb verwendete ich diese archaische Fotoausarbeitungsmethode. Die Herstellung eines jeden Abzugs dauert Wochen und Wochen."

Predator-Drohnen als Eiweißdruck

Ausgearbeitet hat Paglen die Bilder in der Albumin-Drucktechnik, die es bis Ende des 19. Jahrhunderts gab und die unter anderem geschlagenes Eiweiß verlangt. Die acht in Passepartouts gefassten Bilder, auf denen die Drohne wie ein kleines Flankerl auszumachen ist, sind zwar nicht die spektakulärsten Bilder in Trevor Paglens Ausstellung, doch sie zeigen, dass es dem Künstler nicht um Verschwörungstheorien oder Geheimnistuerei geht, sondern um eine profunde Beschäftigung mit dem Sehen und der Fotografie, mit deren Bedingungen und Grenzen.

Service

Aktuelle Arbeiten von Trevor Paglen, 26. November 2010 bis 13. Februar 2011, Wiener Secession,
Ö1 Club-Mitglieder bekommen ermäßigten Eintritt (30 Prozent).

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