Fast ein Krimi von Hélène Bessette
Ida oder das Delirium
"Dieses Buch ist auf keinen Fall kein Krimi", sagt die Erzählerin in Hélène Bessettes Roman "Ida oder das Delirium". Ob die doppelte Verneinung genügt, um aus dem Buch tatsächlich einen Krimi zu machen, sei dahingestellt. Auf jeden Fall soll hier gleich zu Beginn der letzte Satz des Romans verraten werden. Er lautet: "Ida ist tot."
8. April 2017, 21:58
Damit wird weder die Spannung zerstört noch ein sorgsam gehütetes Geheimnis zu früh preisgegeben. Vielmehr verweist dieser Schlusssatz an den Anfang des Textes zurück: Tot ist Ida nämlich schon die ganze Zeit, längst bevor das Stimmengewirr einsetzt, aus dem der Roman besteht. Sie ist von einem mit überhöhter Geschwindigkeit daherrasenden Lastwagen tödlich verletzt und acht oder neun Meter durch die Luft geschleudert worden.
Kurz nach dem Unglück trifft sich eine Gruppe Hinterbliebener, wie um den imaginären Leichnam versammelt, zum Gespräch über Ida. Es handelt sich größtenteils um Mitglieder der Familie Besson, in deren Haushalt die bei ihrem Unfall 66-Jährige zuletzt als Dienstmädchen gearbeitet hat.
Lautes Lesen empfohlen
Nur selten werden Madame Besson "und Alliierte", wie es im Text heißt, von einer Erzählerstimme unterbrochen. Wer gerade spricht, ist nicht immer klar zu erkennen: Anführungszeichen sucht man vergeblich, gelegentliche Leerzeilen oder hängende Einzüge sind die einzigen sichtbaren Orientierungshilfen in dem kurzen, gerade einmal 120 Seiten dünnen Roman.
Es wäre aber trotz der eleganten Aufmachung des im jungen Zürcher Secession-Verlag erschienen Buches ein Fehler, sich bei der Lektüre auf Sichtbares zu beschränken: "Ida oder das Delirium" ist ein Text, bei dem sich zumindest gelegentliches lautes Lesen geradezu aufdrängt. Es hilft zu erkennen, wer gerade am Wort sein dürfte, macht vor allem aber auch die Virtuosität deutlich, mit der die Autorin nicht nur unterschiedliche Stimmen, sondern auch ständig wechselnde Stimmungen wirkungsvoll aufeinander folgen lässt.
Besitzansprüche
Neben - womöglich nur scheinbarer - Trauer und Fassungslosigkeit angesichts des tragischen Todesfalls macht sich sehr bald Empörung unter den Anwesenden breit. Der Verlust Idas wird von Madame Besson und "Alliierten" weniger in seiner menschlichen als vielmehr in seiner materiellen Dimension schmerzlich wahrgenommen. Madame Besson verrät sich zunächst durch einen Lapsus: "Wir dachten/ Dass Ida war wie wir/ Was sage ich da?/ Uns gehörte."
Auf diesen allzu direkt formulierten Besitzanspruch folgt eine durch acht Leerzeilen markierte Schrecksekunde, dann reden alle durcheinander, um den Versprecher auszubügeln. Man versucht es mit "sie gehört zur Familie", doch das passt auch nicht recht und wird zu "sie gehörte wie zur Familie" abgeschwächt, weiter zur "Freundin", als die man sie dann aber doch nicht betrachtet haben will. Schließlich einigt man sich darauf, dass Ida immerhin "nicht lästig" gewesen sei und landet dann doch wieder beim Besitzanspruch: "Man hätte sie noch lange behalten."
Fast ein "unentschuldigtes Fernbleiben"
Das Gespräch über Ida hat eher den Charakter eines Tribunals als den der Würdigung einer Verstorbenen. Wer dabei als Kläger, wer als Angeklagter auftritt, ändert sich ständig. Ist anfangs noch Ida die Angeklagte, deren Tod ihre Arbeitgeber wie ein unentschuldigtes Fernbleiben betrachten, so geraten diese selbst zunehmend in die Defensive, je länger sie am Wort sind. Die Sprechenden werden von der Sprache überlistet, die den Egoismus hinter der geheuchelten Trauer sichtbar macht.
Nicht nur das Gefühl einer Enteignung durch den Tod Idas irritiert Madame Besson und Alliierte, sondern auch die Erkenntnis, dass die Verstorbene Geheimnisse hatte. Zu ihren Lebzeiten war den Arbeitgebern stets daran gelegen, Ida nur als Objekt wahrzunehmen. Dass dieses eigene Gefühle, Träume oder gar ein Privatleben gehabt haben könnte, ignorierte man, "um die Autorität zu wahren", wie es Madame Besson ausdrückt.
Als nun ein Briefträger Post für Ida abgeben will und man Gegenstände wie geschmackvolle Schuhe oder schöne Unterwäsche unter den Habseligkeiten der Toten entdeckt, reagieren die vorgeblich Trauernden ratlos und verärgert.
Triumph nach dem Tod
Als schließlich die plausible Hypothese eines Selbstmords des Dienstmädchens im Raum steht, kippt die Stimmung endgültig: Plötzlich ist jeder unter Rechtfertigungszwang und versucht zu erklären, warum nicht er schuld am Tod Idas ist. Demoralisiert und der Lächerlichkeit preisgegeben bleiben die einstigen Unterdrücker am Ende dieses furiosen Sprach-Stücks voll schwärzestem Humor und düsterer Ironie zurück, während die tote Dienstmagd zu ungeahnter Größe herangewachsen ist.
Die Bitterkeit eines Triumphes nach dem Tod teilt die Romanfigur mit der Autorin Hélène Bessette, die auch selbst einige Zeit als Dienstmagd gearbeitet hat. "Ida oder das Delirium" ist der letzte ihrer 13 Romane, die zwischen 1953 und 1973 erschienen sind. Für Marguerite Duras, André Malraux, Raymond Queneau und andere bedeutende Autoren zählte sie zu Frankreichs wichtigsten Literatinnen.
Zweimal wurde sie für den Prix Goncourt nominiert, blieb jedoch ein Geheimtipp. Sie starb im Jahr 2000, völlig vereinsamt, mit 82 Jahren. Seit 2006 bemüht sich der Pariser Verlag Leo Scheer um eine Neuauflage ihres längst vergriffenen Werks. Es könnte aber auch noch zu echten Neuerscheinungen kommen: Bei ihrem Tod hinterließ die Autorin zehn mit Briefen und unveröffentlichten Texten gefüllte Koffer. Dieser Nachlass ist erst teilweise aufgearbeitet, einer kürzlich erschienenen Biografie zufolge zeugen die Texte von Verfolgungswahn und dem Zwang, immer wieder zu übersiedeln und alle Brücken abzubrechen.
Leben und Werk Hélène Bessettes sind untrennbar verbunden, die Bezeichnung "poète maudit", also "verfemte Dichterin", scheint auf sie zuzutreffen wie auf wenige andere. Viele ihrer Geheimnisse hat die Autorin, die bereits zu Lebzeiten an ihrer Selbstmystifizierung arbeitete, wohl wie Ida mit ins Grab genommen. Es dürfte sich um eine bewusste Entscheidung handeln, "denn es ist sehr viel interessanter über das zu reden, was man nicht weiß, als über das zu reden, was man weiß. Die Unkenntnis hebt tausend Träume, tausend Ätherdünste, tausend düstere Nebel. In denen Lichtschimmer zittern."
Service
Hélène Bessette, "Ida oder das Delirium", Secession-Verlag
Secession-Verlag - Ida oder das Delirium
