Essgewohnheiten und die Macht der Industrie

Das Omnivoren-Dilemma

Was sollen wir essen? Die Fronten, derer, die ganz genau wissen, was wir zu uns nehmen sollen, haben sich spürbar verhärtet. Den amerikanischen Journalisten Michael Pollan beschäftigt diese Frage schon sehr lange, jetzt ist sein neue Buch "Das Omnivoren-Dilemma" auf Deutsch erschienen.

Wenn man so ziemlich alles essen kann, was die Natur zu bieten hat, wird die Entscheidung, was man essen soll, unweigerlich Beklemmungen erregen, zumal wenn einige der im Angebot stehenden Nahrungsmittel einen ohne weiteres krank machen oder töten können. Das ist das Omnivoren-Dilemma.

Wir Menschen sind Allesfresser. Das ist einerseits erfreulich, da wir uns dadurch an praktisch jede noch so unwirtliche Gegend dieser Erde anpassen konnten und uns diese Verhaltensweise außerdem die Freuden einer gewissen Abwechslung auf unserem Speiseplan einbrachte.

Andererseits bedeutete die Auswahlmöglichkeit durchaus auch immer Stress, da wir die Aufspaltung der Natur in die Kategorien "gut und essbar" oder "böse und ungenießbar" stets mitdenken mussten. Während also beispielsweise der Koalabär gemütlich durch den Wald kraxelt und bei allem, was aussieht, riecht und schmeckt wie ein Eukalyptusblatt, herzhaft zubeißen kann, stehen wir immer wieder vor dem Problem: Was darf ich, was soll ich und was schmeckt mir überhaupt?

Sogar die Ratte, ebenfalls ein Allesfresser, hat es da leichter: Sie unterscheidet instinktiv zwischen essbar und giftig, prägt sich dieses Wissen abrufbar ein, und hat sich ansonsten lediglich darum zu kümmern, überhaupt an Nahrung heranzukommen. Um uns Menschen noch mehr zu verwirren, kommt kommen die gigantische Speichermenge unseres vergleichsweise großen Gehirns hinzu:

Viele Anthropologen sind der Meinung, wir hätten genau deswegen so große und verschachtelte Gehirne entwickelt, damit wir mit deren Hilfe das Omnivoren-Dilemma bewältigen.

Die Kohlenhydrate ins Eck gestellt

Im Jahre 2002 gaben ein radikaler Meinungsumschwung und eine daraus folgende Ernährungsumstellung für Micheal Pollan den entscheidenden Ausschlag sich intensiver mit unseren Essgewohnheiten zu beschäftigen. Im Sommer dieses Jahres erschien im "New York Times Magazine" ein Artikel mit dem Titel "Und wenn es nun nicht das Fett ist, das Sie fett macht?". Dem zuvor oft diskreditierten Dr. Robert C. Atkins wurde darin plötzlich Recht gegeben. Ab sofort hieß es: Fleisch ist okay, die wahren Fettmacher sind die Kohlenhydrate.

Innerhalb weniger Monate wurden landesweit Supermarktregale neu befüllt und Speisekarten neu geschrieben. Ausgehend von einem einzigen Artikel, so Pollan, bekamen zwei der gesündesten und untadeligsten Nahrungsmittel, nämlich Brot und Teigwaren, von einem Tag auf den anderen einen moralischen Makel. Gerade in den USA bedeutet dies den sicheren Todesstoß für die diese Produkte herstellenden Betriebe, in diesem Fall Bäckereien und Nudelfabriken.

Eine so gewaltige Veränderung der Essgewohnheiten einer Kultur ist sicherlich das Anzeichen einer nationalen Essstörung. Gewiss wäre das nie in einer Kultur passiert, die im Besitz tief verwurzelter, die Nahrung und das Essen umgreifender Traditionen ist.

Drei Nahrungsketten

Um diesem gestörten Verhältnis zum Essen nachzugehen, folgt Michael Pollan in seinem Buch den drei wichtigsten Nahrungsketten, die uns heute am Leben erhalten: der industriellen, der biologisch-landwirtschaftlichen und der Jäger- und Sammler-Nahrungskette.

Nach all seinen intensiven Reisen und Recherchen kommt er zum Schluss: Je weniger wir über die Herstellung unseres Essens wissen, desto besser funktioniert die Industrie mit ihrer Produktivität und der damit verbundenen Brutalität:

Essen ist ein landwirtschaftlicher Akt. Es ist auch ein ökologischer Akt, und überdies ein politischer Akt. Doch wurde und wird viel unternommen, diese einfache Tatsache zu verdecken; wie und was wir essen, bestimmt in hohem Maße, welchen Gebrauch wir von der Welt machen – und was aus ihr werden soll.

Missbrauch als Basis

Ob punktuelle Aufregungen wie der deutsche Dioxin-Skandal oder langfristige Nebenwirkungen wie die allmähliche Resistenz gegenüber Antibiotika, die sich auf die Massentierhaltung von Schweinen zurückführen lässt - unsere Esskultur beruht immer häufiger auf Missbrauch verschiedenster Art.

Während man in Österreich Bio-Ware bereits flächendeckend im ganz normalen Supermarkt bekommt und in ganz Europa immer radikalere Umkehr- und Rückkehrtendenzen wie Slow Food, Vegetarismus, Veganismus oder Frutarismus zu beobachten sind, scheint der Weg für "anständige" Esser in den USA noch ein dorniger zu sein.

Erst wenn – so wie gerade jetzt - die Lebensmittelpreise steigen, weil die Benzinpreise in die Höhe gehen, wird einer breiteren Konsumentenmasse bewusst werden, dass auch die Nahrungsmittelindustrie nur so mächtig werden konnte, weil sie quasi von Erdöl betrieben wird.

Ein realisierbarer Traum?

Auf eindrückliche Art legt der Autor die Zusammenhänge offen. Und ähnlich einem Kochrezept, das beschreibt, wie man zu einer fertigen Speise gelangt, entwirft er die Wege, die zur Lösung der großen Probleme der Menschheit führen. Denn hinter Hunger, Klimawandel und der Krise des Gesundheitssystems, so Pollan, stünde einzig und allein das derzeitige ausbeuterische Nahrungsmittelsystem.

Um besser zu essen, so seine Empfehlung, sollte jeder entweder mehr Zeit oder mehr Geld investieren. Erst dann könnte irgendwann einmal wahr werden, wovon er jetzt schon träumt: Dass die Vorstellung, ein Lebensmittel wurde um den halben Erdball transportiert, bevor es auf unserem Teller landet, schon bald sehr kurios erscheinen wird.

Jonathan Safran Foers Buch "Tiere essen", Karen Duves "Anständig essen" oder aber auch die österreichischen Kinodokus "We feed the World" und "Unser täglich Brot" - Bücher und Filme über unsere Art zu Essen boomen wie selten zuvor. Michael Pollans Buch "Das Omnivoren-Dilemma" wird sich hier sicherlich einreihen und einen weiteren hochqualitativen Beitrag leisten, vor dem nächsten Einkauf nach- und vielleicht umzudenken.

Service

Michael Pollan, "Das Omnivoren-Dilemma. Wie sich die Industrie der Lebensmittel bemächtigte und warum Essen so kompliziert wurde", aus dem Amerikanischen von Peter Kobbe, Goldmann Arkana Verlag

Random House - Michael Pollan