"Vor uns liegen wunderbare Tage"

Olof Palme

Vor 25 Jahren, im Februar 1986, wurde der damalige schwedische Premierminister Olof Palme auf offener Straße ermordet. Pünktlich zum Todestag des Politikers erschien eine umfassende Biografie, geschrieben vom schwedischen Journalisten und Historiker Henrik Berggren.

Ungelöster Mordfall

Er spielte für seine Heimat eine ähnliche Rolle wie Bruno Kreisky für Österreich: Durch seine engagierte Außenpolitik verstand es Olof Palme, dem neutralen Schweden außenpolitisches Gewicht zu geben. Welche wichtige Rolle Olof Palme auf dem internationalen Parkett inne hatte, wurde vielen Schweden erst nach seinem gewaltsamen Tod klar.

Als mögliche Drahtzieher des Attentats wurden unter anderem die kurdische PKK, der CIA, der KGB, das südafrikanische Apartheid-Regime und zuletzt - vor ein paar Wochen - sogar der jugoslawische Geheimdienst genannt. Aber auch ein Vierteljahrhundert nach dem Mord an Palme gibt es keine konkrete Spur.

Faible für Internationalität

Bücher zu den Mordtheorien gebe es bereits zu Genüge, meint Biograf Henrik Berggren. Der schwedische Historiker und Journalist widmet sein Buch dem Leben und den politischen Visionen Olof Palmes. Bis ins kleinste Detail zeichnet Biograf Henrik Berggren den Weg des Sohnes aus großbürgerlichem Haus zum Arbeiterführer nach.

Fast 100 Seiten umfasst allein der Abschnitt, in der der Autor die Vorfahren des Ministerpräsidenten vorstellt. Eine Familie, die durch ihre Internationalität Olof Palmes Faible für die Außenpolitik mitgeprägt hat, meint Henrik Berggren: "Seine Mutter ist Deutsche aus Litauen, seine Großmutter war Finnin, die Familie hatte Geschäftskontakte in ganz Europa, man sprach Französisch, Deutsch, Englisch. Sein Vater war in der Versicherungsbranche tätig, die sehr nach Deutschland ausgerichtet war. Diese Internationalität war sehr unüblich für Schweden, aber als Palme in die Politik kam, hat das sehr gut gepasst."

Seine Weltoffenheit und die Sprachenkenntnisse brachten Olof Palme Ende der 1940er Jahre in die internationale Studentenpolitik. Mit 26 Jahren traf er auf den damaligen Ministerpräsidenten Tage Erlander. Unter dessen sozialdemokratischer Regierung hatte sich Schweden zum vorbildlichen Sozialstaat entwickelt. Erlander machte den mittlerweile promovierten Juristen Olof Palme zu seinem Privatsekretär. "Erlander erkannte sehr rasch, wie intelligent und was für ein großer Politiker Olof Palme war", erzählt Berggren. "Mit seiner Hilfe kam Palme sehr schnell in das Zentrum der schwedischen Politik."

Chancengleichheit und Gleichberechtigung

Von da an ging es steil bergauf mit der poltischen Karriere: Als Tage Erlander 1969 vom politischen Parkett zurücktrat, wurde Olof Palme mit nur 42 Jahren zum Nachfolger ernannt. Innenpolitisch stand er für Reformen, die für Chancengleichheit und Gleichberechtigung sorgten, angefangen bei der unabhängigen Besteuerung von Ehegatten bis hin zum massiven Ausbau von Kindertagesstätten.

Wie kein anderer prägte Olof Palme aber das Bild Schwedens durch seine engagierte Außenpolitik. Energisch verteidigte er die Rechte der Länder der Dritten Welt und scheute sich auch nicht davor zurück, die Großmächte zu kritisieren. Schon als junger Minister sorgte er für diplomatische Verwicklungen, als er den Bombenkrieg der USA in Vietnam anprangerte. Eine Haltung, die auch bei den europäischen Nachbarn für Aufruhr sorgte.

"Viele europäische Politiker standen den Bombardierungen kritisch gegenüber, ohne Zweifel", bestätigt Berggren, "aber man äußerte sich nicht kritisch gegenüber Amerika. Und da kommt Palme 1965 und schimpft über den Vietnamkrieg. Das sorgte für Aufregung!"

Stockholm, Bonn und Wien

Olof Palme wurde mit einem Schlag bekannt in der ganzen Welt. Genauso heftig kritisierte der Politiker später übrigens den Einmarsch der Sowjet-Truppen in die Tschechoslowakei. Gemeinsam mit Bruno Kreisky und dem deutschen Amtskollegen Willy Brandt stand Olof Palme in den 1970er Jahren für Dialog und Frieden in der Welt des Kalten Krieges. Mit den beiden Politikern verband ihn auch eine enge Freundschaft.

Trotz seiner Beliebtheit im Ausland blieb Olof Palme vielen Schweden fremd, meint Autor Henrik Berggren: "Ich denke, er war jemand, den man entweder sehr oder gar nicht mochte. Er hatte enormes Selbstvertrauen. Es ist ihm leicht gefallen, mit Menschen zu sprechen und sie mit seiner umgänglichen Art zu gewinnen. Aber er war auch sehr wettbewerbsorientiert. Das war Teil seiner Persönlichkeit - und er hasste es, zu verlieren. Ich finde, dass seine Ansprachen toll waren, er kann das Publikum wirklich auf seine Seite bringen und Visionen erzeugen. Aber seine Art zu debattieren, war den Schweden zu viel, sein Stil war zu aggressiv. Palme war zu sehr von sich überzeugt. Das war nicht die schwedische Art."

Polarisierende Persönlichkeit

"Politik ist Wollen", lautete Olof Palmes Motto. Und er verschaffte seinem Willen immer wieder die nötige Zustimmung. In der schwedischen Konsensgesellschaft weckte Palmes Angriffslust auch starke Antipathien. Von der Popularität seines Vorgängers Tage Erlander war Palme weit entfernt. In der eigenen Partei blieb er aber unumstritten - sogar, als die Sozialdemokraten 1976 die Wahlen verloren. Sechs Jahre später kehrte Olof Palme in das Amt des Regierungschefs zurück, bis zu jenem Abend, als er hinterrücks erschossen wurde.

Der Politiker, der für soziale Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit stand, war mit seiner Frau Lisbet gerade aus dem Kino gekommen und auf dem Weg zur U-Bahn. Auch wenn Olof Palme zu seinen Lebzeiten polarisierte: sein gewaltsamer Tod erschütterte ganz Schweden.

"Es herrschte tiefe Trauer", erzählt Berggren. "Ich habe vorher nie etwas Derartiges in Schweden erlebt. In meiner Generation gab es keine nationalen Traumata, keine kollektiven Katastrophen. Damals habe ich das erste Mal die Kraft eines solchen Gemeinschaftsgefühls wahrgenommen. Eine Welle der Trauer erfasste die schwedische Gesellschaft - auch die Menschen, die ihn nicht leiden konnten."

Umfassendes Zeitdokument

Henrik Berggrens 720-seitige Biografie endet abrupt mit dem Tod Olof Palmes. Während dem Nachwirken des Ausnahmepolitikers kaum ein Wort gewidmet ist, zeichnet der Autor ein umso umfassenderes Bild der schwedischen Gesellschaft zu Lebzeiten Palmes.

"Ein Großteil der Arbeit hat darin bestanden, über diese Zeit zu lesen", erklärt Berggren. "Ich habe versucht, mich in diese Periode hineinzuversetzen, wie die Menschen damals gedacht haben. Ich habe viel gelesen, Magazine, Boulevardblätter, Literatur aus der Zeit, um mich in die Stimmung zurückzuversetzen."

Henrik Berggrens Buch ist mehr als eine Zusammenfassung des Lebens Olof Palmes geworden - so lässt der Autor vor unseren Augen die Aufbruchsstimmung der 1950er und 1960er Jahre wiederaufleben; das erste Aufflackern der Friedens- und Anti-Atomkraftbewegung - auch den Ölschock in den 1970er Jahren, der dem schwedischen Wohlfahrtsstaat so stark zusetzte, den Kalten Krieg und das erste Schwächeln des Sowjet-Regimes. Die umfassende Biografie ist ein spannendes Zeitdokument - ein Buch, das nicht nur Fans Olof Palmes schätzen werden.

Service

Henrik Berggren, "Olof Palme. Vor uns liegen wunderbare Tage. Die Biographie", aus dem Schwedischen von Paul Berf und Susanne Dahmann, btb-Verlag

Random House - Olof Palme