Die verborgenen Reize Kataloniens

Die im Nordosten der Iberischen Halbinsel gelegene und gegenüber Madrid mitunter etwas aufmüpfige Region Katalonien hatte vor allem während der Diktatur von Francisco Franco (1939 - 1975) eine schwere Zeit, als die katalanische Sprache und alle anderen Insignien einer eigenständigen Identität unterdrückt wurden.

Heute ist Katalanisch ebenso wie Spanisch Amtssprache. An der Costa Brava nördlich der Hauptstadt Barcelona herrscht aber vor allem im Sommer ohnehin ein babylonisches Sprachgewirr. Hier liegen die Badeorte, die vor rund hundert Jahren als erste in Spanien mit dem wachsenden Fremdenverkehr konfrontiert wurden. Zum Beispiel das Küstenstädtchen "Calella de Palafrugell", das jedoch bis heute seinen Charme bewahrt hat. Einst lebten die Menschen hier entweder vom Fischfang oder von der Korkproduktion, nunmehr spielt der Tourismus die erste Geige.

Auftritt der Habaneras

Vor über 100 Jahren gab es aber eine bedeutende Auswanderung nach Kuba, das bis 1898 eine spanische Kolonie war. Von dort brachten die Emigranten die Habaneras mit, Lieder, die von den Fischern gesungen wurden und einen klar kubanischen Einschlag haben. Eines der bekanntesten ist "Mi nave va a Cuba", also "Mein Schiff fährt nach Kuba". In der Bar "La Bella Lola" haben die besten Habaneras-Sänger ihre Auftritte. Und Anfang Juli findet jedes Jahr ein Festival statt.

Ikone der Literatur

Etwas landeinwärts liegt der Hauptort: Palafrugell. Hier erblickte 1897 eine Ikone der katalanischen Literatur das Licht der Welt: Josep Pla. Sein Geburtshaus steht in einer engen Gasse, die noch von jenen einstöckigen Häusern mit schmalen Balkons gesäumt wird, wie sie früher typisch für spanische Dörfer oder Kleinstädte waren. Die "Casa Natal" ist heute ein Museum.

Plas Hauptwerk heißt "El quadern gris", "Das graue Heft". Es birgt Lebenserinnerungen, die er ab 1918 in ein Schulheft notierte. Sie erschienen in den 1960er Jahren. Obwohl Pla an sich ein Konservativer war, war er dem Franco-Regime ein Dorn im Auge. Ein Triumph war ihm aber vergönnt: Er überlebte den Diktator um sechs Jahre. Pla starb 1981.

Dichtes Eisenbahnnetz

Katalonien war schon immer eine der Wirtschafts-Lokomotiven Spaniens. Daher veränderte auch die Industrielle Revolution hier besonders viel. Ab dem späten 19. Jahrhundert wurde das Land mit einem dichten Netz an Eisenbahnen durchzogen. Sie dampften - manchmal auf schmaler Spur - bis in die entlegensten Bergregionen.

Der Siegeszug des Autos machte den meisten Bahnen aber ab den 1960er Jahren den Garaus. Unrentable Strecken wurden eingestellt, Trassen und Installationen dümpelten fortan vor sich hin und ließen sich widerstandslos von der Natur überwuchern. Das hat sich mancherorts geändert. Die ehemalige Strecke von Olot in die Provinzhauptstadt Girona wird heute als "Via verde" genutzt. Als "Grüner Weg" also, auf dem Radfahrer und Wanderer die Landschaft erkunden können, ohne sich extrem anstrengen zu müssen.

Obwohl die Gegend gebirgig ist, handelte sich um keine Zahnradbahn oder Ähnliches. Daher hielten die Ingenieure dereinst die Steigungen sehr dezent. Tatsächlich hat die Fahrt über Viadukte und durch Tunnel - vorbei an verwitterten Signalanlagen - ihren spezifischen Reiz.

Relikte des Spanischen Bürgerkriegs

Geschichte ist auch rund dreieinhalb Autostunden südlich präsent. Hier wälzt sich der Ebro seiner Mündung zu. Der Ebro, auf Katalanisch Ebre genannt, ist mit rund 925 Kilometern nach dem Tajo der zweitlängste Fluss der Iberischen Halbinsel. Sein Einzugsgebiet hat eine Fläche von 83.093 Quadratkilometern, was ziemlich genau der Größe Österreichs entspricht.

Nähert sich der Besucher dann "Corbera d'Ebre", fallen schon von der Landstraße her die vielen Löcher auf, welche die Felsmassive wie einen Emmentalerkäse durchlöchern. Das war nicht immer so. Vielmehr handelt es sich um relativ junge Wunden, die vor rund 75 Jahren in die Berge geschlagen wurden. Es handelt sich um Stellungen aus dem Spanischen Bürgerkrieg, der von 1936 bis 1939 die Gesellschaft zerriss. Hier fand mit der Ebro-Schlacht im Juli 1938 eines der entscheidenden Gemetzel des dreijährigen Kampfes statt.

2008 schufen junge Historiker das "Interpretationszentrum der 115 Tage, das die ebenso lange dauernde Schlacht dokumentiert. Rekonstruierte Schützengräben gehören da ebenso dazu wie Ausstellungen über die Propaganda oder das Alltagsleben der Kämpfer. Darunter waren auch Österreicher. Rund 1.400 Kommunisten oder Sozialisten nahmen in den Internationalen Brigaden am Bürgerkrieg teil.

Paradies für Fischer und Ornithologen

Das Ebro-Delta muss Vergleiche mit berühmteren Kolleginnen wie dem südfranzösischen Rhône-Delta, der Camargue, kaum scheuen. Es ist ein Paradies für Fischer und Ornithologen. Rund 350 Vogelarten leben stets oder temporär im "Delta de l'Ebre": Löffelenten, Pfeifenten und Schnatterenten, Korallenmöwen, Dünnschnabelmöwen, Rallenreiher und Silberreiher oder Raubseeschwalben sind nur einige davon.

Service

Buch: Christian Leetz "Lesereise Katalonien. Die ewige Suche nach des Esels Seele", Picus Lesereisen

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