Bernsteins "Mass" beim OsterKlang

Die Neue Oper Wien zeigt in ihrer neuen Produktion Leonard Bernsteins Musiktheater-Werk "Mass". Das Theaterstück für Sänger, Schauspieler und Tänzer - so der Untertitel des Werks - wurde 1971 in Washington uraufgeführt. Wegen seiner impliziten Kritik an der amerikanischen Gesellschaft sorgte das Stück für heftige Kontroversen.

Musikalisch verwebt Bernstein in diesem Werk eine Vielzahl an Stilen des 20. Jahrhunderts von Jazz, Blues und Rock bis hin zur Zwölftonmusik. Im Rahmen des Festivals Osterklang Wien ist Bernsteins "Mass" ab 17. April 2011 im Wiener Semper Depot zu sehen. Walter Kobéra hat die musikalische Leitung, Regie führt Hendrik Müller.

Kulturjournal, 14.04.2011

Ein "typischer" Bernstein

Im Grunde ist Leonard Bernsteins "Mass" ein Gottesdienst, in dem allerdings einiges außer Kontrolle gerät. Ein Zelebrant, dargestellt von Alexander Kaimbacher, versammelt seine Gemeinde um sich, die sogenannten Street People. Man feiert eine katholische Messe. Doch zwischen Schuldbekenntnis, Credo und Agnus Dei fallen der Priester und die ihn umgebende Menschenmenge in tiefe Lebens- und Glaubenskrisen, von denen die Feier unterbrochen wird.

In diesem bewegten Szenario ändert sich auch die Musik ständig: Jazz, Blues und Broadwaystil, Expressionismus und Zwölftontechnik wechseln einander ab. Ein typisches Werk Leonard Bernsteins eben, so Walter Kobéra, Intendant der Neuen Oper Wien und musikalischer Leiter der Produktion.

"Barockes" Konzept

Aus dem Werk spreche Bernsteins Faszination für den katholischen Messritus und dessen Theatralik, meint Hendrik Müller, der Bernsteins "Mass" im Semper Depot inszeniert und mit dieser Arbeit sein Regiedebüt in Wien gibt. Doch noch eine andere Idee habe den Komponisten angetrieben:

"Ich glaube, dass er dramaturgisch schon auch in Anlehnung an die Messe so etwas wie ein Welttheater verfolgt. Es geht ihm definitiv nicht darum, eine katholische Messe zu zeigen, die nicht mehr so prima abläuft, sondern da ist eine Chiffre dahinter und dafür bemüht er letzten Endes das barocke Konzept des Welttheaters."

Heftige Kontroversen bei der Uraufführung

Den Auftrag für "Mass" erhielt Leonard Bernstein von Jackie Kennedy Onassis, Anlass war die Eröffnung des Kennedy Center for the Performing Arts in Washington 1971. Bernstein benötigte einige Jahre zum Komponieren; es war die Zeit der sexuellen Revolution, der Frauen- und Umweltbewegung. Zudem steckten die USA mitten im Vietnamkrieg. In dieser politisch angespannten Stimmung sorgte Bernsteins "Mass" für heftige Kontroversen. Sein Umgang mit dem Messeritus war ebenso umstritten wie die Botschaft von Friede und Geschwisterlichkeit, mit der Bernstein indirekt seine Ablehnung des Vietnamkriegs kundtat.

Regisseur Hendrik Müller transferiert das Werk in die heutige Zeit. Auslagen, in denen goldverzierte Handys glänzen, Schaufensterpuppen und eine große Plastikpalme in der Mitte verwandeln die Bühne in einen Einkaufstempel. Sie stehen für die Mechanismen, denen sich der Mensch in der heutigen Zeit freudig ausliefert. Der historische Prospekthof des Semper Depots mit seinen Säulen und Galerien, die den Hof über vier Geschoße umgeben, eigne sich hervorragend für diese Deutung von Bernsteins "Mass", so Müller.

Für Walter Kobéra und seine Neue Oper Wien ist das Semper Depot sowieso ein Stamm-Spielort. Seit 1998 werden hier regelmäßig Produktionen gezeigt. Kommenden September werden die Räume, die sonst der Akademie der bildenden Künste als Atelier dienen, abermals zur Bühne: Am Programm steht die zeitgenössische Kammeroper "Gramma - Gärten der Schrift" des spanischen Komponisten José Maria Sanchéz-Verdù.

Textfassung: Ruth Halle

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Theater an der Wien - OsterKlang