Soldaten

Im Herbst 2001 stößt der deutsche Historiker Sönke Neitzel im britischen Nationalarchiv auf ein brisantes Aktenbündel: Es handelt sich um Abhör-Protokolle, die das britische Militär während des Zweiten Weltkriegs von deutschen Kriegsgefangenen angefertigt hat. Zehntausende von Seiten.

Die Landser wussten nicht, dass ihre Gespräche mitgeschnitten wurden, umso ungenierter, ungeschminkter unterhielten sie sich über ihre Erlebnisse im Krieg.

Zusammen mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer und einem kleinen Forscherteam hat Neitzel die Abhörprotokolle in den letzten Jahren ausgewertet. Herausgekommen ist ein erschütterndes Dokument zur Mentalitätsgeschichte der deutschen Wehrmacht.

Eine brutalisierte Generation

Sollte man sich noch Illusionen über die angebliche "Sauberkeit der Wehrmacht" gemacht haben: Nach der Lektüre dieses Buchs muss man sie ein für alle Mal revidieren. Die von Neitzel und Welzer gesammelten Protokolle zeigen eines ganz deutlich: Hier führte eine durch und durch brutalisierte Generation Krieg, eine Generation, die Gewalt in der Regel schon in frühester Kindheit erfahren hat, im Elternhaus, in der Schule, im Sportverein, in der Hitlerjugend, überall.

Das Töten war für die deutschen Soldaten - nach kurzer Eingewöhnung in die Dehumanisierungsmaschinerie des Krieges - alltägliche Routine, von den Angehörigen diverser Sondereinheiten wie SS oder SD ganz zu schweigen. Die Übergänge von militärischem Handwerk zum Kriegsverbrechen werden fließend. Im Gespräch mit einem Kameraden namens Bender etwa erinnert sich der Obergefreite Sommer an einen ehemaligen Befehlshaber:

Skrupelloses Abknallen

Kaum einer der deutschen Soldaten scheint sich Gedanken über die Rechtmäßigkeit solcher Aktionen gemacht zu haben, von Empathie oder Mitleid für die Opfer ganz zu schweigen. Viele entwickeln sogar so etwas wie sportlichen Ehrgeiz beim skrupellosen Abknallen der Feinde. Das Töten gegnerischer Zivilisten bereitet ihnen, heute würde man sagen: ego-shooter-artige Lustgefühle. Ein Pilot namens Greim blickt auf seine Erfahrungen während des Luftkriegs über England zurück.

Massenmord als Spaß - das klingt auch in den prahlerischen Erzählungen eines Luftwaffenpiloten namens Pohl mit. Im April 1940 - die Deutschen wähnen sich noch als strahlende Kriegsgewinner - wird Pilot Pohl von einem Kameraden in der Gefangenschaft über seine Aktivitäten als Tiefflieger während des Polenfeldzugs befragt.

Vergewaltigung als Unterhaltung

Die Abhörprotokolle bilden sozusagen in Echtzeit ab, wie die Soldaten den Krieg sahen und wie sie ihn interpretierten. Gerade aus dem Umstand, dass die Landser nicht wussten, wie der Krieg ausgehen und dass das Dritte Reich untergehen würde, gewinnen diese Erzählungen ihre Authentizität.

Vergewaltigung als Reiseunterhaltung, als anekdotischer Konversationsstoff für langweilige Kriegsgefangenen-Nachmittage - aus heutiger Perspektive nur schwer erträglich.

Der von Sönke Neitzel und Harald Welzer herausgegebene Band belegt auch deutlich, dass viele, wenn nicht die meisten Angehörigen des deutschen Militärs vom Völkermord an den Juden oft sogar en detail gewusst haben.

SS-Oberscharführer Fritz Swoboda unterhält sich mit einem Oberleutnant über Massen-Exekutionen in der Tschechoslowakei, an denen er beteiligt war.

Niemand ist gefeit

Am Ende ihres Buches vergleichen Sönke Neitzel und Harald Welzer die von Deutschen und Österreichern verursachten Schrecknisse des Zweiten Weltkriegs mit dem, was Jahrzehnte später in Vietnam, im Irak und in Ruanda passiert ist. Ihr Resümee:

Was immer sich die Beteiligten auch einbilden mögen, so etwas wie einen sauberen Krieg gibt es nicht. Und der Zweite Weltkrieg war natürlich erst recht keiner. Sönke Neitzel und Harald Welzer haben ein bedrückendes Buch geschrieben.

Service

Sönke Neitzel und Harald Welzer, "Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben", S. Fischer

S. Fischer - Soldaten