Grüner Plagiatsvorwurf gegen Hahn

EU-Kommissar Johannes Hahn, der frühere ÖVP-Wissenschaftsminister, hat in seiner Doktorarbeit abgeschrieben - und zwar nicht wenig. Das ergab ein Gutachten im Auftrag der Grünen. Sie fordern den EU-Kommissar jetzt zum Rücktritt auf. Hahn selbst weist die Vorwürfe zurück.

Mittagsjournal, 23.05.2011

Anzeige nicht verfolgt

Schon vor vier Jahren hat der aus Salzurg stammende Medienwissenschafter Stefan Weber eine verwaltungsrechtliche Anzeige an die Universität Wien geschickt. Weber, ein Mann mit recht großer Erfahrung bei der Überprüfung von wissenschaftlichen Arbeiten, äußerte gegenüber der Uni Wien den Verdacht, dass Hahn große Teile seiner Philosophie-Dissertation abgeschrieben und nicht ordnungsgemäß zitiert hat. Das Schreiben traf bei der Uni Wien ein, und - so der Grün-Abgeordnete Peter Pilz, nichts sei geschehen. "Die Anzeige ist nicht verfolgt worden, man wollte nichts gegen den eigenen Wissenschaftsminister tun." Die Uni Wien habe "das vertuscht, bagatellisiert, und die Anzeige schlicht und einfach entsorgt."

Zeilenweise abgeschrieben

Daraufhin hat im Februar die Grüne Parlamentsfraktion Stefan Weber mit einem offiziellen Gutachten beauftragt. Um 5.000 Euro Honorar hat Weber die Dissertation mit den von Hahn in der Literaturliste angegebenen Büchern verglichen. Ergebnis: Von den 6.700 Zeilen seien zumindest 1.150 plagiiert, also 17,2 Prozent. In 68 Fällen seien fremde Textpassagen leicht variiert worden, das heißt, die Berufung auf vergessene Anführungszeichen greife hier nicht, schreibt Weber.

Rücktrittsforderung

Peter Pilz verlangt von Johannes Hahn: "Das einfachste wäre, wenn er zurücktritt und den Druck von der Europäischen Union nimmt. Sollte er dazu nicht bereit sein und am Sessel kleben, wird es in der Universität Wien sowieso und in der Kommission in BNrüssel formelle Verfahren geben müssen."

Es geht um Vertrauen

Das Gegenargument wie beim deutschen Minister zu Guttenberg, dass ein Politiker ja nicht unbedingt einen Doktortitel braucht, um ein guter Politiker zu sein, dieses Argument lässt der Grün-Abgeordente nicht gelten. "Es geht hier um das Vertrauen in die Politik." Des Grünen Grüße an die ÖVP: "Warum kommen immer Leute wie Grasser, Strasser und Hahn an die Spitze, und warum werden Persönlichkeiten wie Hahn und Strasser nach Brüssel exportiert? Das ist weder für Österreich nicht für die Union gut", sagt Peter Pilz.

Hahn verweist auf neue Prüfung

EU-Kommissar Hahn will dazu kein Interview geben. Es gibt aber eine Presseaussendung: Die Weber-Studie sei nicht maßgeblich, sondern eine politisch motivierte Auftragsarbeit. Jetzt prüfe ohnehin die Agentur für wissenschaftliche Integrität - im Auftrag der Uni. Ein früheres Gutachten der Uni Zürich habe ihn entlastet, lässt Hahn wissen. Und, die Dissertation müsse nach den vor 25 Jahren geltenden wissenschaftlichen Zitierstandards beurteilt werden.

Uni: Ergebnis im September

Die Universität Wien weist den Vorwurf der Grünen zurück, dass sie eine frühere Verwaltungsanzeige gegen Hahn liegen gelassen habe. 2007 habe ein externer Gutachter keine Betrugsabsicht festgestellt. Jetzt habe man ein Prüfverfahren eingeleitet um - so wörtlich: - volle Transparenz für die gesamte Arbeit zu erhalten. Das Ergebnis soll spätestens Ende September vorliegen.

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Abendjournal, 23.05.2011