Dalí in der Kunsthalle Wien

Der Surrealist Salvador Dalí hat zwischen Kunst und Kommerz seinen Platz in der Kunstgeschichte. Die Kunsthalle Wien widmet ihm eine Ausstellung, scheinbar gegen aktuelle Trends.

Kulturjournal, 21.06.2011

Kuratiert von Kunsthallenchef

"Le Surréalisme, c'est moi" (Der Surrealismus bin ich) hat angeblich Salvador Dalí ausgerufen, als er wegen politischer und künstlerischer Differenzen 1934 von Surrealistenpapst André Breton aus der Surrealistengruppe ausgeschlossen wurde. Eine Anlehnung an das "L'état c'est moi" des Sonnenkönigs Ludwigs XIV., dessen Ego Dalí wahrscheinlich in nichts nachstand.

Um den Surrealismus und Dalí ist es in den letzten Jahren ziemlich ruhig geworden. Jetzt widmet die Kunsthalle Wien diesem großen Exzentriker der Kunstgeschichte unter dem Titel "Le Surréalisme c'est moi" eine Ausstellung.

Kuratiert hat die Schau Kunsthallenchef Gerald Matt persönlich. Er zeigt Dalí im Dialog mit zeitgenössischen Positionen.

Millionenfach reproduziert

Er ließ Uhren dahin schmelzen, um die Relativität der Zeit auszudrücken, malte alptraumhaft entleerte Wüstenlandschaften in Gelb- und Ockertönen, arbeitete immer wieder mit dem Motiv der Krücke, das bisweilen klassisch psychoanalytisch als Symbol der Kastrationsangst gedeutet wird. Salvador Dalí ist ein Blockbuster der Moderne und er teilt mit vielen Pionieren und Wegbereitern der modernen Kunst ein Schicksal: Man kann seine Kunstwerke eigentlich nicht mehr sehen, weil man sie viel zu oft gesehen hat.

Dalís berühmten Uhren, seine Elefanten auf Spinnenbeinen, seine Wüstenlandschaften sind millionenfach reproduziert worden - auf Kunstpostkarten, Postern, Kugelschreiben, Kalender und anderen Produkten, die ein Massenpublikum im Museumsshop seiner Wahl erwerben kann. Gerald Matt hat sich nun der nicht ganz einfachen Aufgabe gewidmet, Dalí abseits von Klischees neu zu entdecken.

"Ich habe in vielen Gesprächen mit Künstlern wie zum Beispiel Matthew Barney, Maurizio Cattelan, Urs Fischer oder Glenn Brown festgestellt, dass es einen Dalí jenseits des Klischees gibt, dass es einen erfindungsreichen, konsequenten, radikalen Dalí gibt und daher denke ich, gibt es auch so etwas wie ein Comeback des Surrealen", so Matt. "Es gibt den Wunsch von Künstlern, anderen Wirklichkeiten zu begegnen, andere Wirklichkeiten zu konstruieren - jenseits des allgegenwärtigen Rationalismus und der allgegenwärtigen Vernunft."

Die Untiefen des Unbewussten

Unter dem Eindruck der Freud'schen Psychoanalyse wandten sich die Surrealisten dem Traum und dem Irrationalen zu. In ihren Bilderwelten heben sie die Regeln der Vernunft aus den Angeln. Typischerweise mittels schiefer Bilder, die Elemente aufeinanderprallen lassen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben.

Wie in Dalís berühmtem Hummertelefon zum Beispiel, auf dem sich statt eines Hörers ein Hummer befindet. Um diese Ästhetik der Surrealisten neu zu befragen, hat Gerald Matt die zeitgenössischen Künstler Glenn Brown, Louise Bourgeois, Francesco Vezzoli und Markus Schinwald gebeten, mit Arbeiten Dalís in Dialog zu treten.

Für den diesjährigen Biennale-Teilnehmer Schinwald zunächst eine schwierige Aufgabe: "Mir ist es ähnlich gegangen wie wahrscheinlich dem Großteil der zeitgenössischen Künstler, dass man Dalí eigentlich schon abgeschrieben hat und ihn ins Wohnzimmer von spießigen Kleinfamilien geschoben hat. Im Laufe der Arbeit hat sich mein Zugang aber gewandelt. Ich habe mir die Kataloge Dalís noch einmal angeschaut und da schon sehr viel entdeckt, was auch für zeitgenössische Künstler sehr brauchbar ist."

Dalí im Dialog mit Zeitgenossen

Schinwald hat sich für seinen Ausstellungsbeitrag eine ganz besondere Arbeit Salvador Dalís ausgesucht: 1936 gestaltete Dalí für die Weltausstellung in New York einen Pavillon, der die Besucher in eine opulente und spektakuläre Welt eintauchen ließ. Unter anderem befand sich in diesem Pavillon ein Aquarium, in dem barbusige Frauen als Nixen zu sehen waren. Quasi eine obszöne Variante der in jener Zeit beliebten Wasserballettrevuen. Schinwald setzt in seiner Arbeit einen Kontrapunkt zu Dalís überbordendem Panoptikum und zeigt ein einfaches und ganz normales Aquarium.

"Es hat mich immer schon interessiert, warum Leute sich nicht langweilen, wenn sie stundenlang in ein Aquarium schauen. Während sich viele Menschen bei Filmen zum Beispiel schon nach ein paar Minuten langweilen, wenn nichts passiert. Dalí war immer sehr spektakulär, sehr aufgeladen und mein Umgang mit dem Aquarium ist eher traditionell: Ein kontemplatives Hineinschauen in einen Glaskasten - wissend, dass da nix passieren wird", sagt Schinwald.

Exzentriker der Kunstgeschichte

Im Gegensatz dazu passierte in Dalís Leben - oder zumindest in Dalís öffentlich zur Schau gestelltem Leben - immer etwas. Dalí war einer der ersten Kunst-Celebrities. Bereits 1936 zierte er das Cover des "Time Magazine". Und schon damals inszenierte er sich in gewohnter Manier als Exzentriker zwischen Genie und Wahnsinn mit manisch aufgerissenen Augen und gezwirbeltem Schnurbart. Eine Mischung aus Aristokrat und Zirkusdirektor, wie Andy Warhol treffsicher kommentierte. Oder: Eine Marke mit großem Wiedererkennungswert, wie man heute vielleicht sagen würde. Und zwar vor Andy Warhol, wie Kunsthallendirektor Gerald Matt betont.

Wie bahnbrechend Dalí wirklich war, versucht Kurator Gerald Matt vor allem anhand von Arbeiten zu zeigen, die weniger bekannt sind als die immer und immer wieder abgedruckten schmelzenden Uhren, oder Elefanten. Zu sehen sind viele Leihgaben aus internationalen Sammlungen. Diese zu bekommen, so Matt, habe mehrere Jahre Vorbereitungszeit in Anspruch genommen. Nicht zuletzt deshalb bietet "Le Surrealisme, c'est moi" für das Wiener Publikum eine Möglichkeit, Dalí abseits ausgetretener Pfade neu zu entdecken.

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