Wenn sich etwas Großes ankündigt

Willi Resetarits traf Günter Brödl

"Eine Begegnung ist etwas, was einem passiert, was einem zustößt, das heißt, das einzige, was man dazu tun kann ist, dass man bereit ist", sagt Willi Resetarits, Musiker, Radiomoderator und Menschenrechtsaktivist.

"Man kann eine Begegnung nicht einfach in die Wege leiten", meint Willi Resetarits, "man kann Begegnungen nicht einplanen oder sich darauf vorbereiten. Und dennoch können alle Sinne darauf eingestellt sein, wenn sich etwas Großes ankündigt."

"Es war in einem dunklen Kellerlokal im Jahr 1964/65: Ich weiß nicht, ob ich noch den gefälschten Schülerausweis hatte oder schon den ungefälschten, den man dort abgeben musste, wenn man hineinwollte. Jedenfalls hat man dort modernen Beat gespielt, und dort habe ich das Lied "Like a Rolling Stone" gehört - Bob Dylan und The Band. Und das war eine Begegnung, die hat mich im Innersten getroffen."

Respect - das Geheimnis für Begegnung

Er habe zahlreiche überwältigende Begegnungen mit Musik erlebt, sagt Willi Resetarits. Die Lieder Van Morrisons etwa waren in einer bestimmten Phase seines Lebens für ihn entscheidend. Aber im Grunde seien es immer Menschen, die er suche: Menschen, die ihn inspirieren, mit ihm arbeiten, Menschen mit denen er Musik schaffen kann:

"Es gibt Leute, die wissen, was sie wollen, die wechselnde Helfer haben, nützliche Idioten als Werkzeuge, bei mir ist das anders: Ich brauche eine andere Seele, Partner mit Inspirationen, mit Wertschätzung. Wie sagt Aretha Franklin: Respect, das ist das Geheimnis für Begegnung - sonst kann Begegnung in Wahrheit nicht funktionieren."

Günter Brödl und die Entstehung des "Ostbahn Kurti"

In einem Gespräch mit Willi Resetarits über bleibende Begegnungen darf ein Name nicht fehlen: Günter Brödl. Der im Jahr 2000 verstorbene Musikjournalist, Autor und Liedtexter erfand für Resetarits den "Ostbahn Kurti" und damit ein buchstäblich neues, zweites Leben. Und jene viel bejubelte Kunstfigur ist es auch, die bis heute seiner Seele innewohnt, wie Resetarits es ausdrückt. Im August wird Kurt Ostbahn zusammen mit seiner legendären "Chefpartie" für zwei Konzerte wieder auferstehen. An die erste Begegnung mit dem Spiritus Rector Günter Brödl erinnert sich Willi Resetarits noch lebhaft.

"Ich habe ihn bis dahin nicht wirklich gekannt, hatte ihn ein bisschen wahrgenommen bei der Besetzung der Arena in St Marx 1976. Eines Tages zeigt er mir ein paar Texte: eine von ihm erfundene Figur, die Rockmusik aus Wien spielt, die geisterte damals durch die Medien, ferngesteuert von ihm, Günter Brödl. Diese Figur sollte einen Auftritt machen und dann wieder verschwinden. Eine Epiphanie, eine göttliche Erscheinung unter den Menschen hat er sich vorgestellt. Da haben wir uns getroffen, das hat mein Leben verändert. So ist das mit dieser Begegnung. Der Rest ist Geschichte."

Von 1985 bis zu seinem plötzlichen Tod im Oktober 2000 verfasste Günter Brödl sämtliche Songtexte für Willi Resetarits alias "Ostbahn-Kurti & die Chefpartie" und später für "Kurt Ostbahn & die Kombo". Willi Resetarits musste für sein zweites Ich keine neue Identität annehmen, sagt er. Er hat sich die Rolle der von Brödl erfundenen Figur gleichsam einverleibt. Umgekehrt hat Brödl seine fiktive Gestalt ganz auf den leibhaftigen Resetarits maßgeschneidert, sodass keine in sich gespaltene Person entstand, sondern eine Symbiose von Kunst und Wirklichkeit.

"Die Kunst bei der Figur ist nur die Behauptung. Ich habe mich überhaupt nicht verändert und hab behauptet: ‘Griaß eich, ich bin der Kurtl, der Rest ist in den Augen und Köpfen und Ohren der anderen Menschen passiert. Ich habe meine Stimme um eine Sekund tiefer gestellt, das war die einzige Stilisierung, und das Aufsetzen der dunklen Brille, wo ich in den nachtdunklen Räumen fast nichts mehr gesehen habe."

Im Jahr 2003 schickte Resetarits sein Alter Ego in Pension

"In die Pension musste der Ostbahn Kurti gehen, weil die Hälfte von ihm gestorben ist, der Brödl ja leider verstorben ist. Ansonsten hatte ich nie ein Problem, wenn mich jemand auf der Straße angeredet hat - 'he Kurtl' - hab ich mich umgedreht oder auch nicht, weil ich mir nicht nachrufen lasse, so ist das auch nicht!"

Willi Resetarits führt ein Leben nach Kurt Ostbahn. Mit seiner aktuellen Formation "Stubnblus" spielt er eine Mischung aus Blues und Volksliedern auf Deutsch und Kroatisch, zudem vertont er Gedichte, etwa von HC Artmann oder Karl Farkas. Und bekanntlich ist Resetarits seit jeher politisch engagiert. Er ist Mitbegründer der Organisationen "Asyl in Not" und "SOS Mitmensch" sowie des Integrationshauses Wien.Eine Arbeit, die übrigens in erster Linie - auf Begegnungen basiert.

"Es gibt Migrationsströme, die wir nicht aufhalten können, die Frage ist, wie wir dem begegnen - und wie wir den Menschen begegnen, die aus welchen Gründen auch immer nach Österreich kommen. Die Angst vor ihnen ist eine Angst vor der Zukunft. Eine Angst vor dem Leben, möchte ich sagen. Da werde ich jetzt pathetisch. Aber ich habe trotzdem Recht."