Kritik an Umgang mit Missbrauchsfällen

Es wird massive Kritik am Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauchsfällen laut: Eine heute 45-jährige Frau wirft den Verantwortlichen vor, dass in ihrem Fall seit mehr als 20 Jahren vertuscht werde. Zum ersten Mal ist auch der Wiener Kardinal Christoph Schönborn mit Vertuschungsvorwürfen konfrontiert.

Morgenjournal, 27.06.2011

Schwere Vorwürfe gegen zwei Priester

Von zwei Priestern sei sie belästigt und missbraucht worden, sagt die heute 45-jährige Frau, die anonym bleiben möchte. Vom ersten 1984 und danach ab 1994 von einem hohen Amtsträger der katholischen Kirche.

Sie habe mit ihm gearbeitet. Als sie krank war, habe der Priester sie besucht. Die ersten sexuellen Übergriffe haben bei diesem Krankenbesuch stattgefunden, erzählt die 45-Jährige.

"Schönborn um Hilfe gebeten"

Nach diesem ersten Vorfall habe sie völlig aufgelöst den damaligen Weihbischof Christoph Schönborn, den sie bereits kannte, angerufen. Der habe sie zu einem Gespräch eingeladen.

In dem Gespräch mit dem damaligen Weihbischof Schönborn habe sie ihn gebeten den Priester anzurufen und zu erreichen, dass die sexuellen Übergriffe aufhören.

"Treffen sei Beichtgespräch gewesen"

Der Sprecher von Kardinal Christoph Schönborn, Michael Prüller, bestätigt dieses Treffen, aber es sei ein Beichtgespräch gewesen. Wenn es schwerwiegende Vorwürfe gewesen wären, bei denen es von Schönborns Seite darum gegangen wäre weitere Vergehen zu verhindern, wäre er sicher in irgendeiner Form tätig geworden, erklärt Prüller.

In den Jahren danach wendet sich die Frau an verschiedenste Stellen. Von der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien bekommt sie schriftlich die Auskunft, dass es sich vermutlich um sexuelle Nötigung handele, das könne aber nur ein Gericht beurteilen.

Von Stiftung als Opfer anerkannt

Die Klasnic-Kommission bezahlt der Frau eine stationäre Therapie im Wert von 11.000 Euro. Die Kirchenbeitragsstelle stellt schließlich fest, dass aufgrund ihrer Ausführungen die 45-Jährige die nächsten drei Jahre keinen Kirchenbeitrag zahlen müsse. Die Stiftung Opferschutz schreibt, dass sie die Frau als anerkanntes Opfer betrachtet.

Das sei so nicht richtig, sagt Michael Prüller, denn die Klasnic-Kommission habe den Fall nicht eingehend geprüft, sondern mittels der Therapie Soforthilfe geleistet: man habe gesehen, dass es der Frau schlecht gehe.

Beschuldigten widersprechen vehement

Die Beschuldigten haben bis jetzt die Vorwürfe vehement bestritten. Ein Beschuldigter sagt: es habe niemals sexuelle Nötigung gegeben, die Vorwürfe seien haltlos.

Vielmehr habe ihn die Frau jahrelang gestalkt, sie leide laut einem psychiatrischen Gutachten an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Entschuldigung zurückgezogen

Der zweite beschuldigte Priester ist nach Beginn der Recherchen seiner Ämter enthoben worden und hat eine schriftliche Entschuldigung verfasst, die er mittlerweile widerrufen haben soll.

Der betroffene Orden überlegt nun, ebenfalls Anzeige zu erstatten. Die Anzeige des mutmaßlichen Opfers muss nun die Justiz prüfen.

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