Die Behandlung der Opfer

Kann man die Traumata von Menschen, die Krieg, Folter, Vergewaltigung, Demütigung oder die Ermordung von Angehörigen erlebt haben, jemals wieder heilen? Grundsätzlich schon, sagt der renommierte Trauma-Therapeut Klaus Ottomeyer von der Universität Klagenfurt, aber es hängt sehr stark davon ab, wie man mit den Opfern nach Ende der traumatischen Erlebnisse umgeht. Diese Problematik beschreibt er in seinem aktuellen Buch "Die Behandlung der Opfer".

Das Wort "Behandlung" ist hier durchaus zweideutig zu verstehen, denn es geht einerseits um therapeutische Behandlungsmethoden von Traumata, aber andererseits auch um die Art und Weise, wie die europäische Gesellschaft Traumaopfer - seien es Flüchtlinge aus Afrika und Asien oder Holocaust-Überlebende - behandelt. Denn die Herabwürdigung der Opfer durch Politiker, Medien und Asylbehörden führe häufig zu einer schweren Re-Traumatisierung. Klaus Ottomeyer erzählt aus seiner langjährigen Erfahrung als Therapeut und Leiter der Trauma-Beratungsstelle Aspis in Klagenfurt. Für diese Arbeit wurde Aspis im Mai mit dem Bruno-Kreisky-Preis für Menschenrechte ausgezeichnet.

"Entwertung" durch Asylbehörde

Man solle zwischen den einzelnen Kapiteln nach Möglichkeit Erholungspausen einlegen, empfiehlt Klaus Ottomeyer im Vorwort seines Buches, denn die Fallgeschichten, die hier geschildert werden, könnten für den Leser belastend sein. Und das sind sie. Klaus Ottomeyer berichtet von Menschen, die in Erdlöcher gesperrt und mit Bügeleisen verbrannt wurden, aber auch von der griechischen Küstenwache, die Bootsflüchtlingen das Geld stiehlt, um sie dann auf hoher See wieder auszusetzen, und von diversen Schikanen österreichischer Asylbehörden, die den Opfern ihre Geschichten nicht glauben wollen und sie wie Simulanten behandeln:

"Was macht das mit den Opfern? Es ist für sie sehr verletzend und entwertend. Es ist für sie oft diese Entwertung, die hier im Land passiert, verletzender - abgesehen davon, dass sie abgeschoben werden können, wenn sie Flüchtlinge sind - als das, was ihnen im Heimatland an Entwertung passiert ist. Denn dann ist plötzlich alles, was man erlebt hat, was man erlitten hat, sinnlos geworden. Das hört man sehr oft."

Ein Asyl-Beamter zweifelt an der Glaubwürdigkeit eines kurdischen Mannes, dessen Körper von Folternarben überzogen ist, weil dieser sich nicht mehr erinnern kann, wie er zu den schweren Brandwunden auf seiner Brust gekommen ist. Dabei seien Gedächtnislücken gar nicht so ungewöhnlich bei Folteropfern, versichert Trauma-Experte Ottomeyer. Quasi ein Selbstschutz der Psyche. Einem anderen Beamten kommt es suspekt vor, dass ein Mann aus Tschetschenien vor seiner Flucht noch einen Zahnarzt aufgesucht hat - nachdem man ihm seine sämtlichen Vorderzähne ausgeschlagen hatte.

"Das ist empirisch ganz gut erforscht, dass die Behandlung der Opfer nach der unmittelbaren Verfolgung sehr wichtig", sagt Ottomeyer. "Wenn diese Behandlung diskriminierend ist, geht es den Opfern sehr sehr schlecht. Wenn die Behandlung nach der Verfolgung im Aufnahmeland gut ist, gibt es eine gute Chance, dass die Traumatisierungen geheilt werden können. Das ist gut untersucht."

Mitgefühl wird "eingesperrt"

Psychotherapeut Ottomeyer liefert auch Erklärungen für das schikanöse Verhalten der Beamten. Nur teilweise handle es sich um Sadismus und die Lust, Macht auszuüben. Die wenigsten Menschen seien von Grund auf schlecht, doch "wer mit Traumatisierten arbeitet weiß, wie sehr sich die Verletzung der Würde auf der Seite des Opfers auch auf der Seite des Helfers oder der Helferin niederschlägt", schreibt er. Das gelte auch für Asylbeamte, die täglich mit grauenvollen Geschichten konfrontiert werden. Sie bekommen für gewöhnlich keine psychologische Betreuung und können - anders als die Leser und Leserinnen des Buches - auch keine Erholungspausen einlegen:

"Die Menschen sind ja nicht grundböse. Und ich denke, auch so eine Flüchtlingsfamilie mit kleinen Kindern rührt sie für einen Moment, greift ihnen ans Herz. Aber dieser Teil wird dann gewissermaßen eingesperrt, wenn die Hilfsbedürftigen uns zu nahe kommen. Die Einfühlung, die im Prinzip da ist, wird abgewehrt. Diese Abwehr muss manchmal ganz heftig sein und brutal, weil sie auch sehr viel Einfühlung übertönen muss. Da gibt es also einige Gründe, warum diese Einfühlungsabwehr stattfindet."

Eine dieser Gründe, weshalb die Hetze gegen Flüchtlinge in Europa auf so fruchtbaren Boden fällt, ist, dass wir unsere eigene heile Welt schützen wollen. Wir wollen nicht wahrhaben, dass dieses Grauen in der Welt existiert, darum verleugnen wir es. Wir versuchen, den "psychotischen Kosmos", wie Klaus Ottomeyer die traumatisierenden Erlebnisse nennt, von uns fernhalten:

"Wenn sie an Menschen denken, die zum Beispiel aus Tschetschenien kommen, dann müssen sie davon ausgehen, dass die alle die Hölle erlebt haben. Wenn die jetzt hierher kommen, künden die ja irgendwie von der Existenz dieses Grauens. Und das halten wir nur ganz schwer aus. Sie rühren an unser Grundvertrauen und Urvertrauen, das wir als Kinder einmal erworben haben. Es ist ja so, wir wachsen als Kinder in einer Welt auf, die heil ist."

Abwehr des eigenen schlechten Gewissens

Deshalb seien viele Menschen dankbar, wenn sie von Politikern hören und in Boulevard-Blättern lesen, das seien ja nur Wirtschaftsflüchtlinge, die unwahre Geschichten erzählen. Doch wir wollen nicht nur das Grauen abwehren, sondern auch unser eigenes schlechtes Gewissen, sagt Klaus Ottomeyer - das schlechte Gewissen, weil wir nicht helfen können oder wollen, das schlechte Gewissen, weil es uns gut geht.

Es entspreche auch der Logik der kapitalistischen Konsumgesellschaft, alles auszublenden, was die Lust am Konsumieren beeinträchtigen könnte. Und da störe der hilfsbedürftige Flüchtling der Gegenwart, ebenso, wie die Schatten der Vergangenheit, etwa die Erinnerung an den Holocaust.

"Es stört die Erinnerung, dass vor nicht so langer Zeit grauenvolle Dinge passiert sind, dass es sehr viel unterlassene Hilfeleistung gegeben hat, die vielleicht der unterlassenen Hilfeleistung ähnlich ist, die wir heute haben", meint Ottomeyer. "Man möchte eigentlich auch das Gewissen, das aus der Geschichte kommt, weghaben. Dan Diner hat einmalgesagt: Heutiger Antisemitismus ist nicht trotz Auschwitz, sondern wegen Auschwitz. Man nimmt den Juden übel, dass sie uns diese ständige Gewissensbeunruhigung zumuten. Das muss doch mal aufhören."

"Neid" auf Opfer

Manchmal gehe es ganz einfach nur um Neid - Neid auf Opfer, weil sich der Staat um sie kümmert. Hier kämen frühkindliche Reflexe hoch, erklärt der Psychologe Ottomeyer: Der Neid auf Asylwerber sei vergleichbar mit dem Neid auf kleine Geschwister, die plötzlich die ganze Aufmerksamkeit der Eltern auf sich vereinen:

"Die sind nach uns gekommen und sie werden von Vater Staat und Mutter Gesellschaft so richtig verwöhnt. Das ist ja die Fantasie, die kriegen vorne und hinten alles reingeschoben, während wir fleißig zur Schule und zur Arbeit gehen müssen. So läuft das psychologisch."

Selbst eine Natascha Kampusch habe den Neid der Gesellschaft auf sich gezogen, sagt Ottomeyer. Ein Opfer, das sich zu sehr in der Öffentlichkeit exponiert, das sich nicht so benimmt, wie es die Gesellschaft von einem Opfer erwartet, verliert in den Augen vieler die Glaubwürdigkeit. Doch tatsächlich nehmen die Opfer von Entführern und Folterern verschiedene Rollen ein.

Victims und Survivors

In der Trauma-Therapie unterscheidet man zwischen Victim - also dem hilflosen Opfer - und Survivor, dem Menschen, der Kraft hatte und trickreich genug war, um die Tortur zu überleben. Gerade diese Survivor-Qualitäten seien ganz wichtig, erklärt Klaus Ottomeyer, sowohl im Kontakt mit dem Täter, wie auch danach:

"Im Leben nach der Traumatisierung ist es wichtig, dass das Opfer auch seine Unbotmäßigkeit zurückgewinnt", so Ottomeyer, "dass das jemand ist, der sich nicht ganz hat brechen hat lassen und der sich jetzt auch nicht brechen lässt, und der sich jetzt nicht noch zum willenlosen Objekt irgendwelcher Medien machen lässt oder sonstiger Helfer. Das ist wichtig, vom Victim zum Survivor zu gehen. Frau Kampusch ist sicher jemand, der sich widerständisch entwickelt hat und das wird ihr als frech dargelegt. Sie ist frech und macht sich breit. Dann kommt der Neid wieder."

Ganz grundsätzlich helfe die Beschimpfung der Opfer auch gegen die eigene Angst, selbst einmal zum Hilfsbedürftigen zu werden, zum Invaliden und Opfer der gesellschaftlichen Prozesse. Die aktuelle Wirtschaftskrise, die viele Verlierer erzeugt, verstärkt diese Gefahr, glaubt Klaus Ottomeyer.

service

Klaus Ottomeyer, "Die Behandlung der Opfer: Über unseren Umgang mit dem Trauma der Flüchtlinge und Verfolgten", Klett-Cotta Verlag

Aspis
Klett-Cotta - Die Behandlung der Opfer

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