Beobachtungen von Gavin Pretor-Pinney

Kleine Wellenkunde für Dilettanten

Gavin Pretor Pinney steht an der Küste von Cornwall. Er hat einen neuen, flüchtigen Forschungsgegenstand für sich entdeckt: Er versucht aus dem Chaos sich kreuzender Wellenkämme ein Muster zu erkennen und beginnt zu fragen: Was ist eine Welle, wie entsteht sie, woraus besteht sie? Und wo will sie hin?

Eine Welle, das ist ein "beweglicher Wasserberg", oder? – Weit gefehlt. Gavin Pretor Pinney beobachtet Boote, die auf dem Meer schaukeln, oder ein Büschel Seegras, das inmitten von Wellenkämmen und Wellentälern hin- und hergeschubst wird.

Nun wird auf den ersten 50 Seiten der Lebenszyklus einer Meereswelle anschaulich beschrieben: Geboren wird sie mit dem Windhauch, jener Luftbewegung, die durch einen Temperaturunterschied vom Hoch zum Tief ausgelöst wird. Auf der Wasseroberfläche beginnen Kräuselwellen zu tanzen, auch Kapillarwellen oder "Katzenpfötchen" genannt. Ausschlaggebend sind neben dem Wind die Oberflächenspannung und die Schwerkraft. Ähnlich einer Hand, die in einen Schaumgummi hineindrückt, verursacht der Wind eine Stauchung, die durch die Oberflächenspannung des Wassers ausgeglichen wird.

Zugleich zieht die Gravität die Masse hinunter. Eine Abfolge von Berg und Tal entwickelt sich, die allmählich zur sogenannten "Windsee" wird, jener gefährlich-rauen Wasseroberfläche mit Gischtfahnen und Sprühnebel, die sich bis zum Sturm aufbauschen kann. Seefahrer seit der Antike leerten Fischöl aus, um die Wellen zu kalmieren.

"Freie" und "getriebene" Wellen

Auch Benjamin Franklin beobachtete bei seinen Überfahrten nach Europa die Wirkung von Fischtran auf die Wellenbildung - ein Beweis für die unterschiedliche Oberflächenspannung – was im übrigen keine Ölpest rechtfertigt. Der Wind lässt jedenfalls nach.

Und das über enorme Entfernungen. Das Wasser steht weiter auf der Stelle. Warum? Weil es sich kreisförmig unter der Welle an seinen Ausgangsort zurückbewegt. Die Welle geht hindurch, ungeachtet der Strömung. Nur durch Schaumkronen etwas abgeschwächt und mit weniger Wellenhöhen kann sich etwa ein Sturm im Indischen Ozean 15.000 Kilometer entfernt an der Westküste Mexikos als Brandung entladen.

Hals über Kopf

Längere und kürzere Wellen durchlaufen einander und ordnen sich in Gruppen, solange keine Küste in der Nähe ist. Und dort hängt es dann von der Steigung des Meeresbodens ab, ob sie Halskrausen bilden, bevor sie in Strudel und Schaum enden: als "Schwall-, Sturz- oder Reflexionsbrecher".

Die Dinge in Bewegung halten

Das Mekka der Wellenreiter und Wellenbeobachter: Hawaii. Dort vibriert der Boden an den Küsten, die Energie der Wellenbrecher transformiert sich lautstark. Gavin Pretor Pinney wird den Bodysurfern und seinem Selbstversuch in Hawaii im letzten, dem neunten Kapitel seiner abwechslungsreichen, beherzten Wellenkunde ein Denkmal setzen.

Davor aber geht es kreuz und quer durch alles, was - meist unsichtbar - die Dinge in Bewegung hält, verbindet und vermittelt: Den Herzschlag und die Gehirnwellen, die Schallwellen, die Infrarotwellen oder die Jubelwelle im Stadion (die La-Ola-Welle).

Mitreißende Erklärungen

Der Leser beziehungsweise die Leserin erfährt über die Prinzipien der Reibung und Brechung von Wellen, dass sich Schlangen in Querwellen, Regenwürmer in Längswellen und Industriebohrer als Torsionswellen fortbewegen. Weiters werden elektromagnetische Wellen, etwa Hochfrequenz-Radiowellen, die Packesel des Informationszeitalters, erläutert - die Basis von Radio, Fernsehen, Babyphon und Herzschrittmacher. Man lernt über Mikrowellen, die nicht nur die Tiefkühlkost erwärmen, sondern die Mobiltelefone verbinden.

Es geht nach München, in den Englischen Garten, zu den "Eisbachsurfern", um eine stehende Welle zu erkunden, oder an den Fluss Severn in England, wo das Sprungwellensurfen erfunden wurde. Weiters lernt man über "interne Wellen", also Tiefseewellen, die U-Boote wegschleudern können, über Tsunamis, Monsterwellen oder "Tidewellen" - das sind die wirklich größten Wellen - angetrieben von Sonne und Mond, den Gezeiten.

Gavin Pretor-Pinney versteht sich in Aufbau und Gestaltung von spannenden Sachbüchern. Das hat er einmal mehr bewiesen. Hier werden Naturphänomene auf eine Art erklärt, die den beharrlichsten Physik-Muffel mitreißt. Die Diagramme im Buch sind erhellend, die Beispiele und Analogien treffen in den meisten Fällen den Punkt, an dem sich die Erkenntnis des Laien dreht, wie das Wasser unter der Welle - jener Energie, in der Ursache und Wirkung so fulminant ineinander laufen.

service

Gavin Pretor-Pinney, "Kleine Wellenkunde für Dilettanten", aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Hein und Yamin von Rauch, Rogner & Bernhard Verlag

Rogner & Bernhard - Kleine Wellenkunde für Dilettanten