Mehr als "Der Schrei"

Das Pariser Centre Pompidou widmet dem norwegischen Künstler Edvard Munch derzeit eine umfassende Ausstellung: Die Schau "Das modere Auge" zeigt vor allem Bilder aus der späteren Schaffensperiode Munchs nach 1900 und stellt sich gegen tradierte Klischees.

Kuklturjournal, 28.09.2011

Die Ausstellung versucht mit Munchs depressivem, verschlossenem Künstlerimage zu brechen, vor allem aber einen modernen Edvard Munch zu zeigen, der mehr geschaffen hat als sein berühmtestes Werk "Der Schrei".

Maler als Hobby-Regisseur

Die Munch-Schau im Pariser Centre Pompidou empfängt die Besucher nicht mit einem Gemälde oder einer Zeichnung des norwegischen Künstlers, sondern mit einem Film. Und es ist kein Film über Edvard Munch, es ist ein Film von Edvard Munch. Ein Stummfilm, rund fünf Minuten lang, entstanden 1927 in Oslo.

Der Maler als Hobby-Regisseur. Für die Kuratoren der Ausstellung ein Zeugnis für die Neugierde, die Offenheit und die Begeisterung des Malers, der ja vor allem für Wehmut, Depression und Verschlossenheit bekannt ist.

Der moderne Munch

Die Schau versucht vor allem den modernen Munch zu zeigen. Den Edvard Munch, der sich intensiv mit den damals verhältnismäßig jungen Medien wie Film, Kino oder Fotographie auseinandergesetzt hat. Das spiegelt sich in seinen späteren Werken wieder, die von räumlicher Tiefe und Bewegung gekennzeichnet sind.

Ein zentraler Punkt der Ausstellung ist das Ölgemälde "Arbeiter am Heimweg" aus dem Jahr 1915. Ein düsteres Bild. Müde Arbeiter verlassen erschöpft die Fabrik. Sie ziehen die Straße entlang, ihre Gesichter dominieren den Vordergrund des Gemäldes.

Parallelen zum Kino

"Wenn man davor steht erkennt man sofort die Bewegung, dieses Motiv, die Arbeiter, die auf den Betrachter zukommen", sagt Kuratorin Angela Lampe. "Das ist eine Einstellung, wie man sie auch im Kino verwendet."

Mit rund 140 Werken versucht die Ausstellung ein neues Bild von Edvard Munch zu schaffen. Dabei wird auf sein wohl bekanntestes Werk "Der Schrei" verzichtet. Es ist bei der Schau nicht ausgestellt. Der Besucher sieht vor allem Werke, die nach 1900 entstanden sind. Doch auch sie sind zum Großteil von kalten Farben und kräftigen Pinselstrichen dominiert. Das Motiv des kranken Kindes oder der weinenden nackten Frau kehren immer wieder.

Tod und Krankheit

Die Themen Tod und Krankheit bleiben auch in seinen späteren Werken. Kuratorin Angela Lampe führt das unteranderem auf die Heimat des Künstlers zurück: "Diese melancholische Stimmung, die man auch in Norwegens Landschaft sieht, hat er in seinen Werken festgehalten."

Die meisten Bilder stammen aus dem Munch-Museum in Oslo und dem norwegischen Nationalmuseum. Norwegens Königin Sonja, die zur Eröffnung der Ausstellung nach Paris gereist ist, sagt über Munch: "Er wollte seine Gefühle zeichnen, das sieht man, deshalb ist es manchmal etwas brutal, denn er wollte wirklich zeigen, dass Kraft im Menschen steckt."

Bühnenbildentwürfe

Diese Kraft spürt man bis heute in seinen großflächigen Ölgemälden. Doch auch am Theater hat Munch Spuren hinterlassen. Max Reinhard bittet ihn Anfang des 20. Jahrhunderts das Bühnenbild für "Das Gespenst" von Ibsen an den Berliner Kammerspielen zu entwerfen. Aus diesem Auftrag geht der ebenfalls ausgestellt Bild-Zyklus "Das grüne Zimmer" hervor.

Munch war lange Zeit in Frankreich wesentlich unbekannter und weniger ausgestellt, als etwa im deutschsprachigen Raum. Nach einer Munch-Ausstellung in der Pariser Pinacotèque im Vorjahr kehren seine Werke jetzt ein zweites Mal für fünf Monate nach Frankreich zurück.

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Centre Pompidou