Jelineks Fukushima-Stück uraufgeführt

Das Kölner Schauspiel bleibt sich treu: Wieder bringt es ein Elfriede-Jelinek-Stück unter der Regie von Karin Beier, und wieder müssen die Schauspieler am Ende zum Verbeugen mit Gummistiefeln auf die Bühne. In der letzten Spielzeit watete das Ensemble durchs Wasser, diesmal durch rutschigen Schlamm - die Szenerie: Japan nach der Atomkatastrophe.

Kulturjournal, 30.09.2011

Dass Elfriede Jelinek eine Ausnahmeschriftstellerin ist, die Kommentare zu brennenden Problemen der Zeit liefert, ist bekannt. Dass das Kölner Schauspiel zweimal in Folge zum "Theater des Jahres " gekürt worden war ebenfalls. Wie spannend muss da erst eine Jelinek-Uraufführung am Kölner Schauspiel sein?

So geschehen im letzten Jahr, wo Elfriede Jelinek auf Bitten des Kölner Schauspiels ein Stück über den Einsturz des Stadtarchivs mit dem Titel "Ein Sturz" geschrieben hat. Schauspielchefin Karin Beier inszenierte die Uraufführung und die Anerkennung von Publikum und Presse war überwältigend.

Kein Wunder, dass Karin Beier sich entschloss, zur Eröffnung dieser Spielzeit abermals ein neues Stück Elfriede Jelineks vorzustellen. Titel: "Kein Licht". Die Uraufführung bildet den zweiten Teil des Abends, der mit "Abenddämmerung der Demokratie" begann.

Klare Schwerpunkte

Jelineks "Kein Licht" ist ein Stück über die Katastrophe in Fukushima. Karin Beier, Kölns Intendantin, setzt für ihre Uraufführungsinszenierung klare Schwerpunkte: "Die Grundfrage nach der Verantwortung des Menschen. Dann auch die Grundfrage nach der Verantwortung der westlichen Welt. Gibt es überhaupt eine adäquate Reaktion? Es beleuchtet auch die Hilflosigkeit der Reaktionen."

Karin Beier nimmt den Titel von Elfriede Jelineks "Kein Licht" wörtlich. Zu Beginn des Stücks lässt sie die Bühne stockdunkel. Die Zuschauer hören Stimmen.

Von der Unfähigkeit, zu lernen

Das Publikum kann die Stimmen in der Finsternis keinem Sprecher zuordnen. Dann kommt ein ohrenbetäubendes Rauschen, der Tsunami. Als das Licht angeht, stehen einige Schauspieler in einem Glaskasten. Sie spielen Instrumente, aber es ist nichts zu hören. Die Kommunikation ist gestört. Später treten Schauspielerinnen mit riesigen Clownnasen auf. Eine spricht von einer Naturkatastrophe. Die andere bagatellisiert den Unfall: Alles nicht so schlimm. Elfriede Jelinek prangert die Unfähigkeit an zu lernen.

Karin Beier schätzt Elfriede Jelinek als Dramatikerin hoch: "Es ist natürlich eine Autorin, die unglaublich schnell auf Dinge reagiert. Das gibt's ja sonst nicht. Weil eigentlich ist Theater ja ein langsames Metier. Jelinek ist eine Autorin, die irrsinnig schnell auf Vorgänge reagiert, quasi fast noch im Prozess oder Dinge auch prophezeit und damit ist sie eine der wenigen, die wirklich den Finger in die aktuelle Wunde legt."

Collage aus Texten

"Demokratie in Abendstunden", der erste Teil des Abends, ist, wie schon der Titel andeutet, ein Stück über die Demokratie in der Krise. Karin Beier hat zusammen mit ihren Dramaturginnen eine Collage aus Texten von Joseph Beuys, John Cage und Rainald Goetz zusammengefügt.

Das Stück beginnt mit einer Orchesterprobe. Der Dirigent, ein schwieriger Mann, gibt sich als sensibler, elitärer Künstler.

Abend in zwei Teilen

Die Musiker sind Individualisten, keiner fühlt sich recht gewürdigt. Sie wollen sich von der Tyrannei des Dirigenten befreien - aber sie sind sich nicht einig. Der Konzertmeister ist ein Gewerkschafter, er will Reformen. Reicht nicht, meint eine Kollegin, sie fordert eine Revolution.

Der Dirigent wartet ruhig ab, wie sich die Streithähne gegenseitig ermüden, ergreift am Ende wieder seinen Stab und bringt sein Orchester dazu, halbwegs hörbar die Probe zu Ende zu bringen.

Der Zusammenhang zwischen dem ersten und dem zweiten Teil des Abends ist offensichtlich: Die Demokratie ist im jetzigen Zustand nicht in der Lage, wirklich mit großen Herausforderungen fertig zu werden. Katastrophen können sich wiederholen. Wir bleiben hinter unseren Möglichkeiten zurück. Es ist ein Abend der Mahnungen. Das Theater gibt sich nicht als Lehrmeister, meint nicht, alles besser zu wissen. Aber es legt doch den Finger in die Wunde - es ist nicht gut so wie es ist.