Hinter dem Paradies

Ägypten, vor wenigen Jahren: Die zirka 30 Jahre alte Salma Raschid verlässt Kairo und kehrt in ihr Heimatdorf zurück. Die Ehe mit dem pakistanisch-britischen Sija, die sie gegen den Willen ihrer Eltern eingegangen war, ist gescheitert. Nun sucht Salma im Dorf Ruhe. Sie hat begonnen, einen Roman zu schreiben, um ihre eigene Vergangenheit und die ihrer Familie aufzuarbeiten.

Sie will die Geheimnisse ausloten und hofft, auf diesem Wege auch die oft gewaltsamen Träume, die sie plagen, verstehen zu können.

Geister und Dämonen

Traum und Wirklichkeit, reale Geschehnisse und Geistererfahrungen fließen in Mansura Eseddins Roman "Hinter dem Paradies" eng ineinander. "Am Land zirkulieren Geschichten von Djinns - von Geistern und Dämonen", so die Autorin. "Religionen sind natürlich die Hauptquelle der Fantasie. Die Wunder der Propheten sind schwer zu glauben, aber die Menschen lassen sich davon überzeugen. Das spielt insbesondere am Land - und damit auch in meinem Roman 'Hinter dem Paradies' - eine Rolle. Am Land glauben viele Leute auch an Träume und Traumdeutung."

Das Werk "Hinter dem Paradies", das vor kurzem in deutscher Übersetzung erschienen ist, kam in Ägypten 2009 heraus. Noch im selben Jahr wurde Mansura Eseddin zu den "Beirut 39" gewählt, also zu einer der 39 besten arabischen Autoren und Autorinnen im Alter von unter 40. 2010 wurde "Hinter dem Paradies" für den Internationalen Preis für Arabische Literatur, den sogenannten arabischen Booker-Preis nominiert.

"Notwendigkeit" Arabischer Frühling

Das Interesse in der arabischen Welt überraschte Mansura Eseddin, schließlich geht es in "Hinter dem Paradies" - zumindest auf der reinen Handlungsebene - um eine rein ägyptische Thematik.

"Das Werk spiegelt die gesellschaftlichen Veränderungen am Land von den späten 1970er Jahren bis heute wider", so Eseddin. "Es zeigt, welche verheerende Rolle das Aufkommen der Ziegelfabriken und der dadurch ausgelöste Goldrausch gespielt haben. Aus den gesellschaftspolitischen Entwicklungen wird aber auch klar, warum die Revolution in diesem Jahr - der sogenannte Arabische Frühling - eine Notwendigkeit war. Alles hier im Land war katastrophal, es war ein Alptraum. Es gab so viel Korruption, aber man konnte nichts daran ändern. Die Menschen konnten nur Träumen nachjagen, die sich nie verwirklichten. Denn sie lebten in einer durch und durch korrupten Gesellschaft."

Erstarrte Gesellschaft

Solch ein vorrevolutionäres Gesellschaftsbild hat nicht nur Mansura Eseddin gezeichnet. Auch zahlreiche ihrer Zeitgenossen haben sich in ihren Werken mit der Lage in Ägypten befasst, allerdings liegen von diesen Büchern noch keine Übersetzungen vor.

"Wenn ich die Romane meiner eigenen Generation betrachte, dann gibt es für mich keinen Zweifel: Die Revolution war unabdingbar", betont Eseddin. Denn alle diese Werke zeigen, wie die ägyptische Gesellschaft von Gewalt, Ungerechtigkeit und Korruption geprägt war. Es war eine gedrückte, deprimierte Gesellschaft. Alles war düster und erstarrt. In solch einer Situation gibt es nur zwei Optionen: den Tod oder eine Revolution, und ich bin sehr froh darüber, dass sich die Ägypter für die Revolution entschieden haben."

Ein Faible für "1001 Nacht"

Wie die Protagonistin von "Hinter dem Paradies" ist auch Mansura Eseddin selbst Mitte der 1970er Jahre in einem Dorf zur Welt gekommen, und zwar im Nildelta. Ökonomisch war die Familie gut situiert, und dank des Engagements der Mutter, die selbst des Lesens und Schreibens unkundig war, erhielten Mansura und ihre Schwester eine ebenso gute Schulbildung wie die Brüder.

Bereits als Kind träumte Mansura Eseddin davon, Schriftstellerin zu werden - und auch darin unterstützte sie die Mutter: "Ich las alles, was mir in die Hände kam, auch jedes Stück bedrucktes Papier auf der Straße. Mit zehn Jahren las ich den bedeutenden ägyptischen Schriftsteller und späteren Nobelpreisträger Nagib Mahfuz und dann andere Autoren meines Landes. Als besonders anregend empfand ich aber stets auch die traditionelle Literatur wie die Märchen aus 1001 Nacht. Ich mag diese wilde Fantasie. Auch in meinen eigenen Werken verbinde ich Fantasie mit realistischen Darstellungen, ich verwebe Träume mit der Wirklichkeit. Für mich sind die Märchen aus 1001 Nacht daher sehr wichtig, ich halte es für eines der bedeutendsten Bücher, das je geschrieben worden ist. Ich mag auch lateinamerikanische Autoren, insbesondere Jorge Luis Borges."

Identität und Wahnsinn

Als 18-Jährige ging Mansura Eseddin nach Kairo, um dort Publizistik zu studieren. Sie war die erste junge Frau aus ihrem Dorf, die alleine in die Hauptstadt zog. Zwei Jahre später legte sie für immer das Kopftuch ab, das sie im Dorf und in der Schulzeit hatte tragen müssen.

Nach Abschluss ihres Studiums begann sie als Journalistin zu arbeiten und erste Kurzgeschichten zu verfassen. Sie heiratete dann den Mann ihrer Wahl und schrieb, wie sie erzählt, mit der neu geborenen Tochter im Arm ihren ersten Roman, "Maryams Traum", der vorerst nur in englischer Übersetzung vorliegt.

"Als ich das Buch schrieb, bewegten mich Fragen wie Identität und Wahnsinn, konkret gesagt: das, was in Ägypten in den 50 Jahren seit der Revolution vom 23. Juli 1952 geschehen war. Meiner Ansicht nach war diese Revolution der freien Offiziere unter Nasser eine Katastrophe für Ägypten. Es war keine echte Revolution, sondern ein Militärputsch, der sich für Ägypten als äußerst nachteilig erwies. Ich wollte über die Folgen für die nächsten 50 Jahre, also bis zur Millenniumswende, schreiben, aber nicht in direkter analytischer Form, sondern indem ich Träume, Fantasien, Alltagsleben und die Schwierigkeiten einer jungen Frau - meiner Protagonistin Maryam - schildere. In das Buch habe ich auch einige meiner eigenen Erfahrungen verarbeitet. Ich kam ja aus einem kleinen Dorf nach Kairo und erlebte die Stadt zunächst als Labyrinth, als Irrgarten."

Kurzgeschichten und neuer Roman

Bereits mit diesem ersten Roman konnte sich Mansura Eseddin als vielversprechende junge Schriftstellerin etablieren. Einen Verleger zu finden, war nicht schwer gewesen, erzählt die Autorin. Ihren Erfahrungen nach stoßen Frauen im künstlerischen Bereich auf keine Hürden, das Problem ist der öffentliche Raum, die Straße. Die kulturelle Szene sei Frauen gegenüber sehr freundlich.

Inzwischen schreibt Mansura Eseddin an ihrem dritten Roman, und auch einige vom Arabischen Frühling inspirierte Kurzgeschichten sind im Entstehen. Dabei will sie ihrem bisherigen Stil treu bleiben: "Die Kunst liegt für mich in dem, was nicht direkt ausgesprochen, sondern bloß angedeutet wird. Ich mag keine Texte, die alles so direkt und unverblümt ansprechen. Die Kunst liegt nicht in dem, was hinausgeschrien wird."

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Mansura Eseddin, "Hinter dem Paradies", aus dem Arabischen übersetzt von Hartmut Fähndrich, Unionsverlag

Unionsverlag - Hinter dem Paradies