Doug Saunders über Vororte

Arrival City

Doug Saunders stellt in seinem Buch fest, dass sich die ehemals ländliche Bevölkerung, die in die Vororte der Großstädte gezogen ist, verblüffend ähnliche städtische Umfelder schafft. Die Migranten folgen mehrheitlich Wegen, die Verwandte oder Nachbarn aus ihrem Dorf bereits gegangen sind.

Der Journalist Doug Saunders hat ein großes Thema angepackt, er hat jahrelang umfangreiche Recherchen angestellt und 20 jener Orte an den Rändern der Megastädte besucht, in denen die Zuwanderer landen. Eine Karte am Einband des Buches zeigt diese Städte in Nord- und Südamerika, in Europa, Asien und Afrika. Es gibt viele Namen für die wilden Siedlungen: Slums, Favelas, Bidonvilles, Shantytowns, Urban Villages oder Barrios, in den reichen Staaten spricht man von Einwandererbezirken, Banlieus, Difficiles oder Migrantenvierteln. Saunders hat für sie den gemeinsamen Begriff "Arrival City" - "Ankunftsstadt" - geprägt.

Aufstieg oder Scheitern

Und wie dieser besondere Ort, die Ankunftsstadt, beschaffen ist, entscheidet über Gelingen oder Scheitern der Migration, für beides bringt Saunders zahlreiche Beispiele: Erfolgreich sind etwa Liu Gong Li in Chongqing oder Mulund in Mumbai, die Saunders als "Dorf in der Stadt-Slum" charakterisiert. In der Enge und den kleinräumigen Strukturen funktionieren Netzwerke; die für den Übergang vom Land zur Stadt so wichtigen sozialen Bezüge können aufgebaut werden. In den behelfsmäßigen, ebenerdigen Hütten finden Läden und Kleinstbetriebe Platz, die eine Weiterentwicklung ermöglichen. In Hochhaussiedlungen dagegen, selbst wenn sie speziell für die Einwanderer gebaut wurden, kann sich derartiges Leben nicht entwickeln. Darum funktionieren die Ankunftsstädte in kleinräumigen Vororten von London oder Los Angeles besser als in den Wohntürmen der Banlieus von Paris oder Bijmermeer in Amsterdam.

Saunders beschreibt die Ankunftsstädte sehr anschaulich und illustriert sie durch die Lebensgeschichten einzelner Migranten. Man erfährt, unter welchen Opfern es viele schaffen, Besitzer der einst illegal errichteten Hütten zu werden und ihre Kinder in die Schule zu schicken. Er berichtet aber auch, wie viele scheitern und den Weg aus der Armut nicht finden, dennoch kehren die wenigsten zurück in ihre Dörfer.

Staatliche Unterstützung notwendig

Die Berichte zeigen aber auch: Eine gelingende Ankunftsstadt braucht politischen Willen und finanzielle Unterstützung beim Aufbau einer Infrastruktur, für Kanalisation, Verkehr, Straßenbeleuchtung und vor allem Schulen.

Dadurch, dass Saunders sich mit der Wahl seines Themas "Ankunftsstadt" für eine spezielle Sichtweise auf die Migration entschieden hat, kann er neue Einsichten vermitteln. Er räumt mit falschen Vorstellungen auf, etwa, dass Migration vor allem von Männern getragen wird: Schon zu Beginn des Industriezeitalters waren es vielfach junge Frauen, die den Aufbruch in eine ungewisse Zukunft wagten. Saunders zeigt die Wechselwirkung zwischen Dorf und Stadt, welche Verbindungen aufrecht bleiben und vor allem, welche wichtige Rolle die Rücküberweisungen der Auswanderer für das Herkunftsland spielen. Sie trugen etwa in Polen dazu bei, dass die aktuelle Wirtschaftskrise vergleichsweise gut überstanden wurde. Verhindern konnten die Wanderungen vom Land in die Stadt nur totalitäre Regime.

Bei Saunders kann man nachlesen, dass die von Österreichs Politikern favorisierte Beschränkung der Migration auf "erwünschte" qualifizierte Fachkräfte, nicht zum behaupteten positiven Ergebnis führt. Die Ankunftsstädte waren und sind oft Orte der Unruhe, in denen Aufstände oder Revolutionen ihren Ausgang nehmen, in Zeiten des Übergangs suchen ihre Bewohner oft in rückwärtsgewandtem Denken und Traditionalismus Halt: So sind viele Türken in Berlin-Kreuzberg konservativer und radikaler als die Bewohner der Vororte in Istanbul.

Was braucht man?

Saunders erinnert schließlich im Nachwort des Buches an den Arabischen Frühling, der in Boulaq, einem Vorort von Kairo, begann: mit der Selbstverbrennung des verzweifelten Mohammed Bouazizi, der um seine Existenz gebracht worden war. Saunders wirft die Frage auf, die er als Schlüsselfrage unserer Zeit bezeichnet:

Service

Doug Saunders, "Arrival City", aus dem Englischen übersetzt von Werner Roller, Blessing Verlag

Blessing - Arrival City