Die Kraft, das Geschlecht, die Identität
Schöpfer und Schöpferin
Die Grazer Kunstuniversität widmete sich dem Thema der Gender-SchöpferInnen-Kraft in einem Symposium. Das Thema stellte sich vielfältig dar: es ist ein Urheberrechtliches, ein Gesellschaftspolitisches und ein Musikpolitisches.
8. April 2017, 21:58
Wohl kaum ein ästhetisches Konzept ist seit mittlerweile vielen Jahrzehnten von solchen Widersprüchen geprägt wie die Auffassung des musikalischen Schaffensprozesses und der künstlerischen Kreation. Der zunehmenden Mythisierung schöpferischer Akte und der Heroisierung der Komponistenfigur im 19. Jahrhundert folgten im 20. Jahrhundert Paradigmen vom "Tod des Autors", der Dekonstruktion des Genies und der Entlarvung diverser Selbst- und Fremdstilisierungen von Komponisten in der Musikhistoriographie. Die Genderforschung nimmt innerhalb dieser Entwicklungen eine ambivalente Position ein.
Der enge Konnex von Genie und Geschlecht ist zu einem der wesentlichen Argumentationsmuster dieses Prozesses geworden, also das Genie ist nur vorgeblich sächlich, die Sache ist - Artikel hin oder her - männlich. Interessant scheint gleichwohl, inwiefern Selbstinszenierungsstrategien von Komponisten und Komponistinnen diese Argumentation aufgreifen konnten und nutzbar machten oder auch konterkarierten.
Vorgeblich sächlich – hat Genie ein Geschlecht?
Sollen wir zu den Heldentaten nun die Heldinnen-Taten einfügen, fragt sich der an der Wiener Uni lehrende Musikwissenschaftler Michele Calella, oder heißt Gender-Forschung mehr als nur die Frauen einzuschreiben? Bedeutet sie eine völlig neue Sichtweise auf die Musikforschung? Mit dem Etikett "Genie" scheint die Aufnahme eines Komponisten in die Musikgeschichte garantiert. Eines Komponisten? Einer Komponistin?
Joanna Wozny, Komponistin mit ersten Ehrungen, wehrt sich gegen geschlechtsspezifische Zuschreibungen: "Mir ist die Tatsache dass ich als Frau Komponistin bin, eher unangenehm, weil es immer wieder zur Sprache gebracht wird. Ich möchte nicht durch diese Kategorie wahrgenommen werden."
Aber: Ist es so einfach, das Geschlecht zu negieren? Sehr lapidar, ihr Geschlecht ignorierend, am liebsten verleugnend: "Am liebsten einfach meine Sachen machen, das ist alles. Wenn dann gesagt wir, dass die Zuerkennung des Erste Bank Komponistenpreises nicht durch die Frauenquote verursacht ist, dann ist das sehr verletzend. Ich möchte nicht aus dem Grund eine Aufführung haben, weil ich Frau bin. Ich möchte nicht an Projekten teilnehmen, wo nur Frauenkomponistinnen gespielt werden."
Punktum. Also weg damit. Keine Frauenmusik-Nächte mehr? Christa Brüstle antwortet Joanna Wozny: "Ich hab den Eindruck, dass Sie vernachlässigen, dass sie auch Teil unserer Gesellschaft sind. Es klingt immer ein bisschen wie: Ich kann mich außen vorstellen, ich bin gar nicht Teil dieser Diskussionen." Wozny argumentiert, dass ein Kunstwerk so abstrakt ist, das es zweitrangiger ist, von wem es stammt, wer der Urheber ist und welches Geschlecht der Urheber hat. Inwieweit fließt dieser Aspekt in die Kunst ein, das ist eigentlich die Frage?
Brüstle, Musikwissenschaftlerin an der Freien Uni Berlin, verweist darauf, dass das Thema ästhetische und wirtschaftliche Fragestellungen aufwirft. "Ich hab zwei Blickrichtungen mir jetzt vorgenommen. Zum ersten mein Blick auf die Künstler und Künstlerinnen, die ich überwiegend in Berlin in ganzer Breite beobachten kann. Wo wird die Autorschaft problematisch als Fragestellung. Zum Beispiel in der freien Szene, die es in Wien und sonst wo natürlich auch gibt, wo man in den letzten Jahren zunehmend flexible Arbeitskollektive beobachten kann. Das unterliegt einer großen Flexibilität, man ist projektorientiert. Ein Projekt wird durchgeführt und ein nächstes wird beantragt?"
Wie wird Autorschaft im Kollektiv fest gemacht und juristisch auch festgehalten? Und – wie wird Autorschaft mit den gängigen Verwertungssystemen in Einklang gebracht? Wie wird sie verrechnet? Künstlerische Kollektive wie die Berliner Gruppe "Echtzeit" bewältigen die Verwertung und Verrechnung der Autorenschaft ganz gut.
Annette Gießriegl, Komponistin und Vokalistin, kennt kollektive Arbeitsweisen aus verschiedenen Formationen, wie dem Annettfourtett. "Wir machen entweder kollektiv improvisierte Musik machen, das heißt wir sind alle Instant Composers, oder wir schreiben einzelne Stücke. Wenn wir gemeinsam komponieren, melden wir die Kompositionen an und zu gleichen Teilen bekommen wir dann auch die Tantiemen. Da ist sehr viel Trust unter den Musikerinnen und Musikern."
Wer definiert Autorschaft, wer stellt sie in Frage?
Autorschaft stellt sich als ein ästhetisches und ökonomisches Konstrukt dar, aber wer hat die Definitionshoheit? Autorschaft wird problematisch, wenn gegen sie verstoßen wird. Die Musikwissenschaft stellt Autorschaft oder Autorinnenschaft immer wieder in Frage, vor allem bei neuen Genres der Musikszene die dann geringer im Tantiemenverwertungssystem eingestuft werden, also im wahrsten Sinn des Worts weniger wert sind, insbesondere das Genre Klangkunst steht hier zur Diskussion.
Christa Brüstle: "Die Autorschaft in der Klangkunst ist sehr fraglich, sie existiert eigentlich gar nicht mehr – das ist eine These der Helga de la Motte. Ich teile sie nicht, wenn ich eine Klangkünstlerin habe, habe ich natürlich auch eine Autorin."
Gerd Nierhaus, Professor an der Kunstuni Graz, hat mit seinen Studierenden etwas ausprobiert: Komponieren im Kollektiv stand als Arbeitsaufgabe an, eine Schaffensweise, die die Musikgeschichte gut kennt: unterschiedliche Zugänge des Komponierens von Leuten, die aus verschiedenen Richtungen, jener des klassischen Komponierens, aber auch des algorhythmischen Komponierens, kommen. "Wir haben auch eine Co-Kreation gemacht, als eine Antwort auf die Frage: wie kann es funktionieren, wenn unterschiedliche Disziplinen aufeinander treffen?"
Es geht weiterhin darum, Komponisten und Komponistinnen hinein zu holen, in die Musikgeschichtsschreibung – jenseits und entgegen aller politischen und ästhetischen Ausschlusskategorien. Joanna Wozny zweifelt an diesem Integrationsprozess: "Mir ist der Gedanke gekommen, dass das Denken nicht nachkommt, dass die neuen Wörter erst gedacht werden müssen."
Dass auch die Komponistin erst gedacht werden muss?
Service
CD, Joanna Wozny, "as in a mirror, darkly", Kairos-CD
Christa Brüstle
