Atomkraftwerke "Unter Kontrolle"

Die Atomenergie gehört seit der Katastrophe von Fukushima wieder zu den meist diskutierten Themen weltweit. Doch so viel darüber gesprochen wird, so wenig weiß man über den tatsächlichen Alltag hinter den Sicherheitszäunen der Atomkraftwerke. Der deutsche Dokumentarfilmer Volker Sattel hat Zugang zu dieser seltsamen und teils verstörenden Parallelwelt bekommen.

Sein Film "Unter Kontrolle" hat gerade bei der Viennale seine Österreich-Premiere erlebt und kommt diesen Freitag regulär in die heimischen Kinos.

Mittagsjournal, 31.10.2011

Antiquiertes Ambiente

Ein Simulatorzentrum in Essen. Hier wird der Notfall geprobt. Was auffällt - nicht nur hier, sondern auch in den eigentlichen Kraftwerken -, ist die scheinbare Antiquiertheit der Kontrollräume. Der Großteil der Anlagen wurde in den 1970er und 1980er Jahren und in der Ästhetik der damaligen Zeit errichtet und blieb seit damals unverändert.

Regisseur Volker Sattel kennt diese "Welten aus alten Science-Fiction-Filmen", wie er sagt. Da frage man sich, wer hier wen inspiriert hat, die Wirklichkeit den Film oder umgekehrt.

Hilfreiche Transparenz

Leicht wurde Volker Sattel der Zugang zu den Atomkraftwerken nicht gemacht. Doch zum Zeitpunkt der Dreharbeiten hofften viele Betreiber noch auf eine Laufzeitverlängerung und setzten deshalb auf verstärkte Transparenz, und das öffnete dem Filmemacher so manche zuvor noch verschlossene Tür. Bis hin zu den Schaltzentralen der Verantwortlichen.

Volker Sattel verzichtet in "Unter Kontrolle" auf jegliche Kommentare. Hier werden keine platten Polemiken gegen die Atomkraft vorgetragen, stattdessen wirkt der Film auf viel subtilere Art: Sattel lässt ausschließlich die Betreiber der AKWs zu Wort kommen, die Techniker und Wissenschaftler.

Boys and Toys

Volker Sattel erlebte die Atomkraftwerke als eine von Männern dominierte Welt, als Welt der "boys and toys", also der Buben und ihrer Spielzeuge, wie der Filmemacher ironisch meint. Sattel hat sich aber auch angesehen, wer die Buben kontrolliert. Im Film gibt ein Mitarbeiter am Institut für Risikoforschung der Universität Wien Auskunft. Die Internationale Atomenergie-Organisation mit Sitz in Wien, sagt er, habe ganz andere Aufgaben als gemeinhin angenommen wird: Das sei ein Service wie der Vertrauensarzt, dem man von einer "peinliche Krankheit" berichten könne und der absolute Verschwiegenheit garantiert.

Dass Volker Sattels Film vor Fukushima und dem von Angela Merkel durchgesetzten Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie fertig gestellt wurde, ändert nichts an dessen Aktualität. Erst Ende 2022 soll ja das letzte deutsche Kernkraftwerk vom Netz gehen. Und danach lässt sich "Unter Kontrolle" noch viel entspannter ansehen, weil der Film dann historisches Dokument sein wird.

Textfassung: Ruth Halle

Service

Ö1 Club-Mitglieder bekommen bei der Viennale die Karten ermäßigt (zehn Prozent).

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