Wenn Ideen Sex haben

Die Liste der Dinge, die uns täglich Sorge bereiten, ist lang. Was aber, wenn alles nicht so schlimm ist, wie man uns glauben lässt? Matt Ridley, britischer Zoologe, Ökonom und seiner Bezeichnung nach "rationaler Optimist" erklärt in seinem neuen Buch nicht nur, warum wir heute in einer besseren Welt leben als je zuvor, sondern dass wir uns auch um die Zukunft keine allzu großen Sorgen zu machen brauchen.

Die täglichen Nachrichten von Umweltkatastrophen, Krieg und Unterernährung sprechen für sich. Wissenschaftler, Politiker und Aktivisten warnen uns unaufhörlich vor den humanitären und ökologischen Problemen unserer Zeit. Doch ist die Welt, in der wir leben, wirklich so schlecht? Ist der pessimistische Blick in die Zukunft heute der einzig vernünftige? Matt Ridley beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen Nein.

Um heute und in Zukunft mit diesen Bedrohungen fertig zu werden, gilt es zuerst zu klären, wie wir den bereits vorhandenen Lebensstandard erreichen konnten. Schließlich leben wir heute in einer Welt, in der es der Mehrheit der Menschen besser geht als je zuvor. Kurzum: Wir ernähren uns besser, wohnen besser, leben gesünder und länger, verdienen besser und werden immer intelligenter.

Der etwas holprige deutsche Titel "Wenn Ideen Sex haben" beschreibt das Phänomen, dem wir letztendlich all unseren Fortschritt und den heutigen Wohlstand verdanken.

Arbeitsteilung schafft Handel

Alles begann damit, dass die Menschen anfingen, Dinge untereinander auszutauschen. Zuerst wurde dies an den Orten möglich, wo größere Gruppen zusammentrafen. Diese konnten sich weg von einer Subsistenzwirtschaft hin zu einer Arbeitsteilung immer stärker spezialisieren und somit Waren und in Folge auch Wissen untereinander weitergeben.

Der zunehmende Handel, ein stabiles Klima und steigende Bevölkerungszahlen führten schließlich dazu, dass der Mensch begann, Landwirtschaft zu betreiben und somit Nahrungsüberschüsse zu erwirtschaften. Die ersten landwirtschaftlichen Siedlungen waren somit zugleich die ersten großen Handelszentren.

Je mehr der weltweite Handel anwuchs, je mehr Ideen untereinander ausgetauscht wurden und sich somit das "kollektive Gehirn", wie Ridley es nennt, ausweiten konnte, umso mehr gingen Gewalt, soziales Ungleichgewicht, Analphabetismus und Krankheiten zurück. Der Erfolg der Menschheit ist also im Austausch begründet, wie Ridley zusammen fassend erklärt.

Vernetzung der Ideen

Doch zunehmender Fortschritt und Wohlstand lassen nicht die großen Probleme unserer Zeit vergessen: rasant wachsende Bevölkerungszahlen und daraus resultierend Hunger, Klimawandel und Ressourcenknappheit. Alle scheinen sich einig, dass die Kapazitäten unserer Erde bald aufgebraucht sind.

Schon im 18. Jahrhundert warnten Wissenschaftler vor einer zu rasch wachsenden Weltbevölkerung bei begrenzter landwirtschaftlicher Produktivität. Die Menschheit können schlicht und einfach nicht mehr ernährt werden, hieß es. Aber fossile Energieträger sowie neue Technologien und Düngemittel konnten bis heute die steigende Nachfrage nach Lebensmitteln bedienen. So stieg zum Beispiel die Getreideproduktion in den letzten 40 Jahren bei gleichbleibender Anbaufläche auf das Doppelte.

Neue Technologien erforderlich

Als verheerend bezeichnet Ridley den vor allem in Europa vorherrschenden Trend zu biologischer Landwirtschaft. Der gezielte Einsatz von Dünge- und Konservierungsmitteln sowie die Verwendung genetisch modifizierter Nahrung sind für ihn unausweichlich, wenn es gilt, die wachsende Bevölkerung weiter zu ernähren und der Natur ihren Platz zu lassen.

So wie neue Technologien in der Landwirtschaft den Nahrungsmangel verhindern können, so wird die Menschheit auch neue Lösungen entwickeln, um den Energiebedarf zu decken, versichert Ridley. Die derzeitigen Alternativen zu Öl, Kohle und Gas sind aber nicht ausreichend und alles andere als grün. Neben Sonnenenergie und Erdwärme rühmt der Autor die Atomenergie und deren zukünftige Bedeutung für die weltweite Energieversorgung.

Auch wenn sich der Klimawandel laut Ridley nicht in dem Ausmaß bewahrheiten wird, das Experten voraussagen, ist dieser nicht von der Hand zu weisen. Das gilt vor allem, wenn wir den ärmsten Ländern die Möglichkeit geben wollen, ebenfalls Wohlstand zu generieren. Eine durchschnittliche Erderwärmung von 3 Grad Celsius in den nächsten hundert Jahren würde aber das Nahrungsmittelangebot noch steigern und durch den Rückgang an landwirtschaftlichen Anbauflächen zusätzlich die Umwelt schonen, so der rationale Optimist.

Geburtenrate geht zurück

Schließlich, so versichert Ridley, wird sich die Weltbevölkerung bei einer durchschnittlichen Rate von zwei Kindern pro Frau und einer Zahl von neun Milliarden Menschen einpendeln. Die Zahlen sprechen dafür. Schon jetzt ist die Geburtenrate in fast allen Ländern rückgängig. Zurückzuführen ist das auf Faktoren wie Bildung, Emanzipation und Wohlstand.

Trotz allem Optimismus macht Matt Ridley deutlich, dass die Menschheit nicht so weitermachen könne wie bisher. Und er ist der festen Meinung, dass sie das auch nicht tun wird. Das innovative Potenzial des kollektiven Gehirns wird Wege finden, um Mensch und Umwelt zu schützen, davon ist Ridley überzeugt.

"Wenn Ideen Sex haben" ist eine detailierte Abhandlung über die Geschichte der Menschheit, untermauert durch ein umfangreiches Maß an Fakten. Matt Ridley mag mit seinem rationalen Optimismus durchaus provozieren, jedoch ohne sich dabei zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Dass zum irdischen Glück mehr gehört, als bloß Wohlstand, daran lässt auch Ridley keinen Zweifel. Ein wenig mehr Optimismus hat aber noch niemandem geschadet.

Service

Matt Ridley, "Wenn Ideen Sex haben. Wie Fortschritt entsteht und Wohlstand vermehrt wird", Deutsche Verlags-Anstalt

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