Cindy Sherman in der Sammlung Verbund

Die Frau mit den 1000 Gesichtern

Cindy Sherman ist eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der Welt. Ab 26. Februar ist ihr eine große Schau im Museum of Modern Art in New York gewidmet. Nun war sie in Wien, die sogenannte "Meisterin des Verschwindens", die seit den 1970er Jahren in die Rollen ganz durchschnittlicher Passanten schlüpft und dies fotografisch festhält.

Cindy Sherman präsentierte in der Sammlung Verbund ihr Frühwerk und jenes Buch, in dem dieses Werk der Jahre 1975 bis 1977 kürzlich wissenschaftlich aufgearbeitet worden ist.

Kulturjournal, 07.02.2012

Der hektische Geschäftsmann im schlechtsitzenden Anzug, der Bursche, der in der letzten Reihe lümmelt mit einer Zigarette im Mund, oder die Hausfrau, die nach dem Einkaufen erschöpft die Schultern hängen lässt: Es ist kaum zu glauben, aber das ist immer Cindy Sherman in ihren perfekten Maskeraden. Obwohl ihr Werk immer um sie selbst kreist, würde sie niemand auf der Straße erkennen, denn sie will alles andere als Aufmerksamkeit, sie will in ihren Rollen verschwinden.

Das Wesen der Repräsentation

Die Ausstellung zeigt es deutlich: Bereits in den ersten Schaffensjahren legte Cindy Sherman als 18-Jährige ganz stringent die Grundzüge ihres Werkes fest, mit dem sie fast 40 Jahre lang die Konstruktion zeitgenössischer Identität und das Wesen der Repräsentation unter die Lupe nahm. Vieles, das noch unbekannt war, wie etwa vier Filme der Künstlerin, ist nun in dieser Schau zu sehen.

Gabriele Schor, die Leiterin der Sammlung Verbund, hat in jahrelanger Arbeit mit Cindy Sherman die Archive durchforstet und hat Verschollenes und längst Vergessenes zutage gefördert: etwa eine Serie von Fotos, auf denen die Künstlerin nackt zu sehen ist, ausnahmsweise ohne Verkleidung. Obwohl sie nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, fanden sie nun Eingang in das 375 Seiten lange Buch.

Performances ohne Publikum

Cindy Sherman arbeitete anfangs nur mit ihrem Gesicht, später verwendete sie auch ihren Körper. Sie arbeitete stets allein in einem Raum mit Selbstauslöser. Das waren ihre Performances - ohne Publikum! Manchmal hinterfragte sie auch sehr kritisch gesellschaftliche Schönheitsideale, in dem sie sich selbst in die Models von Lifestyle-Magazinen wie "Vogue" oder "Cosmopolitan" verwandelte, dabei aber mit ganz hinterhältigem oder doofem Grinsen vom Cover lächelte. Damit wollte sie die Scheinheiligkeit der Modewelt anprangern.

Cindy Sherman, deren Fotoarbeiten um bis zu 3,3 Mio. Dollar gehandelt werden und damit über denen eines Thomas Gursky liegen, zeigt sich überrascht, wie umfangreich ihr Werk ist.

Mit dieser Ausstellung und der zugehörigen Publikation positioniert sich die private Sammlung des Stromunternehmens Verbund als kleine aber feine Galerie mit Museumsambition.

Textfassung: Ruth Halle

Service

Sammlung Verbund
MoMA - Cindy Sherman