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"Canale Mussolini"

2010 gewann Antonio Pennacchi mit seinem Roman "Canale Mussolini" den wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega. Eine umstrittene Preisvergabe, denn der Autor passt so gar nicht in das bequeme Schema Links-Rechts, gut-böse.

Kultur aktuell, 9.05.2012

Antonio Pennacchi sitzt in der warmen Frühlingssonne oft auf seiner Terrasse und blickt in seinen Garten. Bis 1924 existierten an diesem Ort nur Sümpfe, die seit der römischen Spätantike wegen ihrer Mücken und der Malaria gefürchtet waren. Der Schriftsteller Pennacchi hat den Menschen, die aus den Sümpfen des so genannten Agro Pontino nicht weit von Rom zwischen 1924 und 1937 fruchtbares Ackerland machten, ein literarisches Denkmal gesetzt. Ein Epos, in dem einfache Leute, Bauern und Arbeiter, die Protagonisten sind:

"Aus Ferrara, Venetien, aus Friaul kamen Familien wie meine hierher, um das Land urbar zu machen. Zirka 20.000 Hektar Sümpfe. Eines der wenigen richtig guten Projekte des Duce. Jeder baut sich hier sein Haus selbst. Meine Frau und ich haben uns dieses Haus hier gebaut, in zehn Jahren Arbeit", erzählt Pennacchi.

Die Geschichte einer italienischen Familie

In seinem Roman "Canale Mussolini" erzählt Pennacchi die bewegte Geschichte der Familie Perruzzi, die aus Norditalien in die Sümpfe kam, um diese im Auftrag Mussolinis trockenzulegen. Eine Familiengeschichte, in der von harter Arbeit und Politik die Rede ist. Aus dem sozialistischen Familienvater Perruzzi wird ein Faschist. Ganz wie sein Vorbild Mussolini, der ja auch zunächst Sozialist war, vollzieht auch Perruzzi eine politische Kehrwende. Am Ende des zweiten Weltkriegs, als die Amerikaner vom Süden Richtung Rom vorrücken, unterstützen die Perruzzis die deutschen Besatzer. Nach dem Sieg der Amerikaner werden sie Verteidiger der neuen Demokratie.

Pennacchi bringt eine Geschichte, wie sie sich in vielen italienischen Familien in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zutrug, literarisch auf den Punkt. Der Duce wird bei Pennacchi als Diktator dargestellt, der, im Gebiet der ehemaligen Sümpfe, nur das Beste für seine Italiener will.

Pennacchi liefert damit eine historische Schilderung, in der sich viele heute alte Italiener wieder finden können und die den Nachgeborenen die Möglichkeit gibt, einen tieferen Einblick in das Denken von Menschen zu bekommen, die erst Sozialisten, dann Faschisten waren und schließlich zu überzeugten Demokraten wurden.

Menschen, die Position beziehen müssen

Antonio Penacchi war in seiner Jugend Neofaschist, dann Sozialist. Heute ist er Kommunist. Er weiß wovon er redet, wenn er den Wandel politischer Einstellungen von Menschen beschreibt, die besonderen historischen Gegebenheiten ausgesetzt waren. Die Tatsache, dass seine Protagonisten in "Canale Mussolini" überzeugte Faschisten sind, ohne zu Antisemiten zu werden, macht sie, jedenfalls für den vorurteilslosen Leser, in keiner Weise unsympathisch.

Der Kommunist Pennacchi setzt sich mit dieser Lesart jener Epoche der scharfen Kritik vieler italienischer Antifaschisten aus, für die das Duce-Regime a priori nichts Positives an sich haben konnte. Doch Pennacchi geht es nicht um eine moralische Verurteilung, sondern um die Geschichte von Menschen, die, sagt er, Position beziehen musste. Seine Protagonisten wurden zwar zu Faschisten aber, fügt er hinzu, dadurch nicht zu Monstern.

Service

Antonio Penacchi, "Canale Mussolini", Hanser Verlag