Ö1 Essay
Zum 100. Geburtstag von Michel Foucault
"Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses". Von Michel Foucault. Übersetzt von Walter Seiter. Es liest Philipp Hauß.
16. Oktober 2026, 11:05
Vor 100 Jahren wurde Michel Foucault geboren. Er war einer der wichtigsten und einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Der 1984 verstorbene französische Philosoph und Historiker analysierte die Verflechtungen von Wissen und Macht, um aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Diskurse die Definitionen von Wahrheit steuern und dadurch das menschliche Subjekt erst hervorbringen und formen. Seine wichtigsten Werke waren "Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft", "Die Geburt der Klinik: Eine Archäologie des ärztlichen Blicks", "Die Ordnung der Dinge", "Die Archäologie des Wissens", "Sexualität und Wahrheit" und "Überwachen und Strafen".
In "Überwachen und Strafen" stellt sich Foucault die Frage, weshalb das Gefängnis im 19. Jahrhundert in kurzer Zeit zu der zentralen Strafinstitution wird, obwohl ihm davor nur eine marginale Rolle im System der Strafen zukam. Foucault führt den Übergang von einer auf Folter und Marter orientierten Gesetzgebung hin zum Gefängnis als vorherrschender Form von Strafe auf neue Theorien des Rechts und des Verbrechens zurück. Diese neuen Theorien ermöglichen ein zugleich bislang unvorstellbares Überwachungs- und Disziplinierungssystem.
Am Beispiel des von Jeremy Bentham 1787 vorgeschlagenen Panopticon, das Modell für Gefängnisse, Fabriken, Krankenhäuser oder Schulen sein sollte, zeigt Foucault, wie sich die neuen Ideen und Techniken der Macht auch architektonisch materialisieren. Bentham, so Foucault, hat das Prinzip aufgestellt, dass die Macht sichtbar, aber uneinsehbar sein muss. Macht wird automatisiert und die Machtträger werden entindividualisiert.
Service
Michel Foucault, "Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses", übersetzt von Walter Seiter. Suhrkamp
Sendereihe
Gestaltung
- Natasa Konopitzky
