Bekenntnis eines Pädosexuellen

Seit den Fällen Kampusch und Fritzl ist Kindesmissbrauch auch in der heimischen Öffentlichkeit ein nicht zuletzt von großem medialen Getöse begleitetes Thema. Ein Thema, dem sich der österreichische Regisseurs Sebastian Meise mit zwei Filmen und vor allem mit einer viel größeren Zurückhaltung annähert, ohne jedoch zu verharmlosen.

"Stillleben" nennt Meise seinen Spielfilm rund um einen pädosexuellen Vater, "Outing" die Dokumentation eines pädosexuellen Studenten.

Kulturjournal, 15.05.2012

Arnold Schnötzinger spricht mit Sebastian Meise und Thomas Reider

Kultur aktuell, 15.05.2012

Eigentlich ist das eine ganz normale Familie. Man lebt auf dem Land in einem Einfamilienhaus, die Kinder sind längst ausgezogen, kommen aber immer wieder zu Besuch. Kaffee und Kuchen ist ein beliebtes Ritual. Doch die Normalität trügt, als der Sohn die - wie es im Fachjargon heißt - pädosexuellen Neigungen des Vaters aufdeckt, der diese in Rollenspielen mit Prostituierten auslebt.

Das Objekt der Fantasien ist die Tochter. Das vordergründig stabile familiäre Gefüge wird fragil, die Wahrheit muss erst einmal verdaut werden, die Rollen neu überdacht. Regisseur Sebastian Meise: "Die Familienmitglieder müssen eben die Situation neu bewerten, was ihnen ziemlich schwer fällt, weil es sich um den doch bis dahin liebenden Vater handelt".

Ratlosigkeit der Figuren

Stille, Schweigen, lange Pausen, Dialoge, die ins Leere laufen, eine starre distanzierte Kamera, für die Ratlosigkeit der Figuren findet Regisseur Sebastian Meist auch formale Zuspitzungen. Was wirklich passiert ist, bleibt lange Zeit vage, ein Spiegel, wie auch die Gesellschaft mit dem Thema Pädosexualität umgeht, auch wenn hier ein Umdenken in mehrfacher Hinsicht stattfindet, wie Sebastian Meise meint: "Das Bewusstsein heute ist viel stärker nicht zuletzt aufgrund des Missbrauchsfälle, die in den letzten Jahren durch die Medien an die Öffentlichkeit gekommen sind."

Das Outing eines Pädosexuellen

Bei ihren Recherchen zum Film "Stillleben" zwischen 2008 und 2012 haben Sebastian Meise und Drehbuchautor Thomas Reider Sven kennengelernt, einen jungen Deutschen, der seine pädophile Neigung in der Dokumentation "Outing" - ebenfalls vom Duo Meise/Reider - öffentlich macht, zugleich aber sexuellen Kontakt zu Kindern strikt ablehnt.

Gratwanderung

Svens Outing inklusive der Schilderung therapeutischer Möglichkeiten ist zwar ein mutiger Schritt, für das Filmteam aber auch eine Gratwanderung. Immer wieder nimmt der Gesprächsdrang des jungen Mannes geständnishafte Züge an, dann wieder Verharmlosungstendenzen, etwa wenn er angibt, mit Kindern aus dem Familienumfeld in einem Bett zu schlafen. Freilich glaubt Sven, sich dabei stets im "Griff zu haben".

Spätestens dann müssen Meise und Reider relativieren und widersprechen, treten sie aus der Rolle der Filmemacher heraus und agieren als Privatpersonen. Zudem lassen sie einen Psychiater Skepsis an Svens Verhalten anbringen. Es sind letztlich Schilderungen, die den Studenten wie eine menschliche Zeitbombe erscheinen lassen. Das Kino verlässt man dann mit einem flauen Gefühl.

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