Schiffbruch mit optimistischer Botschaft

Mnouchkine bei den Wiener Festwochen

Sie gilt als große Magierin des europäischen Theaters und entführt ihr Publikum seit bald fünf Jahrzehnten in eine sinnliche Welt, in der sich eindrucksvolle Choreographien, Sprache und Musik zum Gesamtkunstwerk vereinen. In diesem Jahr gastiert Ariane Mnouchkine mit ihrem Théatre du Soleil bereits zum vierten Mal bei den Wiener Festwochen.

Mit im Gepäck hat sie ihre neueste Produktion "Les Naufragés du Fol Espoir" - auf Deutsch "Schiffbruch mit verrückter Hoffnung". Ein knapp vierstündiges Theatererlebnis, das am Sonntag, 20. Mai 2012, erstmals im deutschsprachigen Raum gezeigt worden ist.

Kultur aktuell, 21.05.2012

Verschachtelte Rahmenhandlung

Auf der Bühne herrscht geschäftiges Treiben. Die rund 36 Akteure des Théatre du Soleil sind fast ständig in Bewegung. Sie schlüpfen in verschiedene Rollen, sind einmal Hauptdarsteller, dann wieder Komparsen, verschieben Kulissen, hantieren mit Windmaschine und Scheinwerfer, zaubern mit einfachen, aber effektvollen Mitteln die Wetterkapriolen der antarktischen Schneewüste auf die Bühne, oder aber - wie in der Schlüsselszene des Stücks - einen Schiffbruch. Die Theatermaschine läuft also, die Bühne wird zum bewegten Wimmelbild, das über weite Strecken das Making Off eines Stummfilms zeigt, einen "Film im Stück" sozusagen.

Die Handlung der aktuellen Théatre-du-Soleil-Produktion ist verschachtelt: Am Vorabend des Ersten Weltkrieges dreht eine Laientruppe am Dachboden eines Vergnügungslokals einen Stummfilm, der von einer gewagten Schiffsreise nach Feuerland erzählt. Eine Expedition, die Schiffbruch erleidet und zum Gesellschaftsexperiment wird. Die Gestrandeten wollen am Ende der Welt eine neue, eine gerechte Gesellschaft aufbauen. Eine politische Utopie, die letztlich - wie sollte es anders sein - an der Habsucht einzelner scheitert und in einem Massaker endet - genauso wie die Dreharbeiten auf der zweiten Handlungsebene des Stücks, die abrupt durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges beendet werden.

Freundlicher Applaus

Der "Schiffbruch mit verrückter Handlung" basiert auf einem posthum erschienen Roman von Jule Vernes. Ariane Mnouchkine nähert sich darin der politischen Utopie und ihrem Scheitern - veranschaulicht in der Parabel des Schiffbruchs. Zwischen diesen gewichtigen Themen ist aber auch genug Platz für Erheiterndes. Das übertriebene Mienenspiel der Stummfilmakteure, ihre ausladenden Gebärden und slapstickartige Einlagen sorgen für die zahlreichen komischen Momente des Abends, der am Ende die Frage aufwirft, ob nicht jeder Schiffbruch auch einen Neuanfang bedeuten kann. Eine optimistische Botschaft, auf die das Wiener Publikum mit freundlichem Applaus reagierte.

Service

Wiener Festwochen - Les Naufragés du Fol Espoir