Jenseits von Brasilien

Das Wiener Museum für Völkerkunde hat in seinen Depots unwahrscheinliche Schätze liegen, die leider viel zu selten der Öffentlichkeit präsentiert werden können. Jüngstes Beispiel: die Ausstellung "Jenseits von Brasilien - auf den Spuren von Johann Natterer durch Raum und Zeit".

Johann Natterer war Mitglied einer Expedition, die 1817, anlässlich der bevorstehenden Vermählung der Erzherzogin Leopoldine mit dem portugiesischen Thronfolger Dom Pedro, nach Brasilien entsandt wurde. Der portugiesische Hof hatte sich 1807 vor den Napoleonischen Truppen in Rio de Janeiro in Sicherheit gebracht, seitdem öffnete sich das Land, das 1822 unabhängig werden sollte. Erzherzogin Leopoldine war übrigens eine glühende Befürworterin der Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonie.

Ausgehend von dieser Expedition des österreichischen Kaisers beschäftigt sich die Ausstellung im Museum für Völkerkunde mit der Kultur indianischer Stämme im Gebiet Brasiliens und angrenzender Staaten wie Venezuela und Kolumbien, beleuchtet aber auch die Beziehung zwischen der autochtonen Bevölkerung und den Kolonialherren.

Exponate für die kaiserlichen Sammlungen

Mit nicht weniger als 2.400 Objekten hat die österreichische Brasilien-Expedition eine Sammlung bereichert, die zu den bedeutendsten der Welt gehört. Diese Expedition war eine naturkundliche, es ging vor allem um Flora und Fauna und Exponate für die kaiserlichen Sammlungen zusammenzufassen, erklärt Kuratorin Claudia Augustat vom Museum für Völkerkunde: "Der Mensch galt damals als Teil des Ganzen, also hat man auch ethnografische Gegenstände gesammelt."

Johann Natterer war ursprünglich als Tierpräparator mitgenommen worden. Im ersten Raum der Schau werden eindrucksvoll wunderbar erhaltene bunte Vögel, sowie ausgestopfte Tiere wie Schildkröten, Ameisenbären oder auch - in Gläsern - Giftschlagen gezeigt. Dass Natterer auch ein hochbegabter Zeichner war, beweisen zahlreiche Aquarelle von seltenen Fischen an den Wänden. Er scheint dem Zauber Brasiliens erlegen zu sein, denn nach Auflösung der offiziellen Expedition 1821 infolge der Unruhen, die mit den Unabhängigkeitsbestrebungen einhergingen, bereiste er das Land insgesamt 18 Jahre lang.

Meistens per Tausch erworben

Die Ausstellung zeigt Objekte und Darstellungen des Expeditionsalltags: Man reiste in Maultierkolonnen, oft durch unwegsames Gebiet und schlief, wie die autochtone Bevölkerung auch, in Hängematten. Und so kam es natürlich zu zahlreichen Begegnungen zwischen den Indianern und den Europäern, die vor allem vom bunten Federschmuck der Indigenen beeindruckt waren und dabei einiges erstanden.

In diesem Kontext wird ja oft die Frage aufgeworfen, wie solche Objekte in europäische Sammlungen gelangten, da wurde ja auch gestohlen, auch Kultgegenstände verschwanden so. Wenn man Kuratorin Claudia Augustat glauben darf, so lief das in Brasilien zu dieser Zeit primär auf Tauschbasis ab: "Soweit wir wissen, sind die meisten Dinge, die sich in dieser Sammlung aus dem 19. Jahrhundert befinden, über Handel gekommen." Es gab aber auch Dinge, wie zum Beispiel Schutzamulette, die er nicht erwerben konnte.

Gut konserviert

Was den Federschmuck der Munduruku betrifft, so zeigt eine Vitrine auch eine Verwendung mit einem aus unseren Augen makabren Begleitritual. Nämlich wenn Mundurukus Nachbardörfer angriffen, sämtliche Männer und Frauen töteten, und nur die Kinder verschleppten. Die Köpfe der Besiegten wurden dann mumifiziert und prachtvoll hergerichtet. Sie sollten den Kriegern und Jägern Kraft geben.

Bemerkenswert sind auch Objekte wie Armreifen oder Halsketten, etwa aus Jaguarzähnen. Dabei muss man wissen, dass der Jaguar in den oft animistischen Weltbildern von manchen Indianergruppen eine besondere Rolle einnahm, etwa im Totenkult.

Eindrucksvoll bei all diesen Objekten, die ja allesamt aus Naturfasern, Leder oder bunten Federn bestehen, ist, wie gut sie erhalten sind. So sind nach 150 Jahren die Farben der Federschmuckstücke leuchtend geblieben, denn im 19. Jahrhundert wurden die Präparate mit Arsenseife behandelt, erklärt Kuratorin Claudia Augustat, "aus konservatorischer Sicht ist das ganz hervorragend, weil es einen dauerhaften Schutz gegen Insektenfraß bietet." Heute hat man allerdings sanftere Methoden entwickelt.

Ein Überleben ermöglicht

Die Ausstellung bezeugt auch die Berührungen zwischen Kolonialisten und indigenen Völker, man sieht es an Kleidungsstücken oder Objekten des täglichen Gebrauchs. Gleichzeitig auch, wie das Kolonialreich Portugal damals schon global funktionierte. So werden chinesische Schuhe, wohl aus Macao, gezeigt. Oder wertvolle portugiesische Steigbügel neben Kautschukschuhen oder Stiefel aus Schlangenleder.

Bleibt die Frage des Überlebens dieser Indianergruppen oder -stämme - politisch hat sich einiges zum Besseren gewendet, meint Claudia Augustat, denn seit 1988 werden traditionelle Siedlungsgebiete demarkiert, ratifiziert und anerkannt. "Die Nutzungsrechte dieser Gebiete liegen nur auf indigener Seite." Allerdings kommt es auch immer wieder zu Spannungen, weil viele indigene Völker in Gebieten leben, die wegen ihres Rohstoffreichtums interessant sind.

Eine der größten Herausforderungen für das Überleben von Traditionen ist wohl auch der Komfort der Konsumgesellschaft, inzwischen haben viele Junge auch Universitätsabschlüsse. Es gibt aber auch Tendenzen unter ihnen, sich ihrer Wurzeln bewusst zu sein beziehungsweise sie wiederzuentdecken.

Service

Ö1 Club-Mitglieder erhalten im Museum für Völkerkunde ermäßigten Eintritt (EUR 2,-).

Museum für Völkerkunde - Jenseits von Brasilien

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