Skandalchronik von Carlos Widmann
Das letzte Buch über Fidel Castro
Carlos Widmann, in Buenos Aires geboren, in Deutschland aufgewachsen, war langjähriger Auslandskorrespondent der "Süddeutschen Zeitung" und des Wochenmagazins "Der Spiegel". Laut Verlagswerbung habe kein anderer deutscher Reporter Fidel Castro so gut gekannt wie Widmann.
8. April 2017, 21:58
Diese enge Bekanntschaft hat in ihm offenbar keine Faszination oder zumindest Sympathie ausgelöst wie bei vielen anderen Journalisten, die Castro persönlich kennen lernten, wie etwa beim US-Journalisten John Lee Anderson oder dem kolumbianischen Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez.
Der Deutsch-Argentinier schreibt so etwas wie eine Skandalchronik über den bärtigen Revolutionsführer. In jedem Kapitel eröffnet er den Lesenden eine neue Schattenseite des Oberkommandierenden der kubanischen Revolution. Da es sich bei dem Autor aber offensichtlich um einen profunden Kenner der Geschichte Kubas des letzten halben Jahrhunderts handelt, liest man weiter, setzt sich mit den Enthüllungen auseinander, fragt sich nach ihrem Wahrheitsgehalt. Kann es sein, dass sich der unter anderem mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnete Reporter systematisch darum bemüht, in dieser Biografie das Bild eines anachronistischen kriminellen Despoten zu zeichnen, der schon seit den Tagen seines Jus-Studiums in Havanna den Einsatz von Gewalt als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele praktiziert?
Maßloser Ehrgeiz
Schon die uneheliche Geburt von Fidel Castro verleitet den Autor zu Mutmaßungen. Er zitiert einen bekannten Schweizer Historiker:
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"Das Bedürfnis, sich zu vergrößern, ist allen Illegitimen eigen", heißt es bei Jakob Burckhardt. Was so ungewöhnlich an Castro wirkte und was ihn - obwohl noch ohne ersichtliches Programm - als Revolutionär erscheinen ließ, waren sein ungebärdiges Temperament und sein maßloser, stets energisch verleugneter Ehrgeiz. Fidel ist unehelich zur Welt gekommen, seine Geburt wurde erst später durch Heirat legalisiert. Da er noch nicht getauft war, hatte Fidel zunächst die Geringschätzung seiner katholischen Mitschüler ertragen müssen.
Die Lebensumstände seiner frühen Kindheit und Jugend hatten Fidel noch längere Zeit geprägt. Nicht Armut war es, die ihn belastete, sondern die soziale Herkunft. Sein Vater, Ángel Castro, war ein mittelloser Landarbeiter aus dem spanischen Galizien, der es im Osten Kubas zum wohlhabenden Plantagenbesitzer gebracht hatte, die Mutter, Lina Ruiz González, eine arme Wäscherin. Noch auf dem Jesuitenkolleg in Havanna sei dem Teenager Fidel die plebejische Herkunft durchaus anzumerken gewesen, berichtet der Autor. Doch er habe dieses Manko mit fanatischem Leistungsdrang kompensiert, zuerst im Sport, vor allem im Beisbol, dann im Studium.
Vergleich mit Adolf Hitler
Die manchmal fragwürdige Objektivität des Journalisten Widmann entfaltet sich vielleicht am besten in dem Kapitel, in dem er Parallelen in den Karrieren von Adolf Hitler und Fidel Castro zieht, besonders am Anfang ihrer politischen Laufbahn. So stellt er etwa den Putschversuch vom November 1923 im Münchner Bürgerbräukeller beim späteren großen Führer und den blutig gescheiterten Sturm auf die Moncada-Kaserne im Juli 1953 beim späteren Máximo Lider nebeneinander.
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Beide Diktatoren entwickelten ihre politischen Ambitionen nach der Entdeckung, dass sie "reden" konnten. Beide waren rastlose Leser, die Auswahl ihrer Bücher aber war "utilitaristisch", ganz auf den persönlichen Nutzwert ausgerichtet, weitgehend ihren politischen Neigungen, Obsessionen und Plänen untergeordnet. (...) Beide versuchten, die Macht zunächst im Handstreich durch rasche, theatralische und gewaltsame Aktionen zu erobern - und beide scheiterten damit als Dilettanten schon im ersten Anlauf. Beiden gelang es jedoch, dieses Scheitern zum Heldenakt zu verklären.
Nach dem katastrophalen Fiasko der Moncada-Aktion - von den 133 Männern und zwei Frauen von Fidels Gruppe kamen über 100 ums Leben, wurden sofort erschossen oder grauenhaft gefoltert - wurde Castro zu 15 Jahren Haft verurteilt, doch schon nach 18 Monaten durch eine Amnestie freigelassen. Und er setzte seine Vorbereitungen zur Machtergreifung fort.
Im Dezember 1956 landete er mit der Motorjacht Granma, aus Mexiko kommend, mit 82 Gefolgsleuten im Südosten Kubas. Der angehende Revolutionsführer erlebte wieder ein Debakel: Nur 17 seiner Mitstreiter überlebten den Landungsversuch, darunter Bruder Raúl, Ernesto Che Guevara und Camilo Cienfuegos. Langsam, und vor allem mit Unterstützung städtischer Anhänger und Sympathisantinnen, sammelten die jungen und unerfahrenen Aufständischen Kräfte zum Marsch auf Havanna.
Castro und García Márquez
Interessant ist die ausführliche Analyse der tiefen Freundschaft zwischen Fidel und Gabo, wie Gabriel García Márquez im Freundeskreis genannt wird. Doch auch hier scheint wieder die Abneigung des Autors gegen das Subjekt seiner Biografie durch. Der kolumbianische Nobelpreisträger diene dem versinkenden Greisenregime der Gebrüder Castro als Prestigebringer und Legitimationsnachweis, erklärt Widmann. Auf García Márquez hingegen übe die Aufnahme in den inneren Zauberkreis der Macht des Oberkommandierenden eine starke Anziehungskraft aus. Aber auch dafür hat der Autor eine Erklärung parat und zitiert den österreichisch-argentinischen Soziologen und Autor Germán Kratochwil:
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Dass Intellektuelle sich zu politischen Führern hingezogen fühlen, ist eine Abart des Penisneides.
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Carlos Widmann, "Das letzte Buch über Fidel Castro", Hanser Verlag
Hanser - Das letzte Buch über Fidel Castro
