Studie: Missbrauchsopfer leiden noch immer

Rund die Hälfte der Opfer von Gewalt in der katholischen Kirche in Österreich leidet an posttraumatischen Belastungsstörungen. Das hat eine Studie von Psychologen der Uni-Wien ergeben. Demnach ist das Leben der Betroffenen bis heute durch Depressivität und psychosomatische Leiden beeinträchtigt.

Morgenjournal, 4.1.2013

Massive Beeinträchtigungen

Ausgewertet wurden Daten von 450 Betroffenen, die sich an die von der katholischen Kirche eingesetzte Klasnic-Kommission gewandt haben. Zwei Drittel von ihnen haben sexuelle Gewalt durch katholische Kirchenangehörige erlebt. Meist war es schwerer sexueller Missbrauch an Buben, sagt Studienleiterin Brigitte Lueger-Schuster. 77 Betroffene hätten von Vergewaltigung gesprochen, acht von Vergewaltigungen durch mehrere Täter. Andere körperliche Gewaltanwendung haben knapp zwei Drittel der Betroffenen angegeben und psychische Gewalt die allermeisten. Durch posttraumatische Belastungsstörungen sind nun knapp die Hälfte der Männer und zwei Drittel der Frauen massiv beeinträchtigt, sagt die Psychologin Lueger-Schuster: "Da stehen vor allem wiederkehrende sehr schmerzliche Erinnerungen im Vordergrund, aber auch Übererregungssymptome wie sehr nervös oder hektisch sein, Verzweiflung, Ein- und Durchschlafprobleme, bedingt auch durch Alpträume."

Probleme mit Beziehungen und Sexualität

Ausgewertet wurden 185 Trauma-Fragebögen und 450 Berichte von Psychologen, die für die Klasnic-Kommission gearbeitet haben. Das Durchschnittsalter der Betroffenen ist 55 Jahre. Ihr psychisches Leid zeigt sich auch an erhöhten Werten bei Depressivität, paranoidem Denken und psychosomatischen Leiden. Dazu kommen überdurchschnittlich große Probleme in Beziehungen und mit der Sexualität. Laut der Psychologin können viele mit Berührungen von Partnern oder eigenen Kindern schwer umgehen: "Es drängt sich die Erinnerung an den Missbrauch auf mit Anlass einer zärtlichen Handlung des Partners."

"Viele haben sich umgebracht"

Aufgeschlüsselt werden auch die Formen von erlebter körperlicher und psychischer Gewalt in kirchlichen Internaten und Heimen in vergangenen Jahrzehnten: Von Ohrfeigen, Tritten und Prügeln über stundenlanges Strafe-Knien, bis zum Verbot in der Nacht aufs Klo zu gehen. Von Demütigungen über Isolation vom Elternhaus bis zu Drohungen mit der Gottesstrafe. Lueger-Schuster geht davon aus, dass viele Opfer sich gar nicht gemeldet haben, weil sie nicht darüber reden können. Für diese müsse es aber weiterhin die Möglichkeit geben, sich an die Kommission wenden zu können. Die Psychologin vermutet sogar, "viele haben sich umgebracht."

Lueger-Schuster wünscht sich daher bessere Behandlungsmöglichkeiten für traumatisierte Personen in Österreich, und dass die Kirche ihre Archive öffnet für eine weitere historische Aufarbeitung. Wie hoch die durchschnittlichen Zahlungen von der katholischen Kirche an Betroffene ausgefallen sind, haben die Psychologen schon ausgerechnet: Durchschnittlich 13.000 Euro plus 3.000 für Therapie.

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