Roman von Jorge Amado
Die Werkstatt der Wunder
Es sind immer die gleichen Bilder, die unsere Vorstellung von Brasilien prägen: sinnliche Frauen an palmengesäumten Stränden, Samba und farbenfroher Karneval. Jorge Amado hat mit seinen Romanen das stereotype Brasilienbild maßgeblich mitgeprägt.
8. April 2017, 21:58
Im deutschsprachigen Raum war der 1912 geborene Autor vor allem in den 1960er und -70er Jahren einer der bekanntesten brasilianischen Unterhaltungsschriftsteller. Während Amado in der Bundesrepublik Deutschland für seine exotisch-erotischen Bücher berühmt war, wurde er - der einige Jahre aktiver Kommunist war - in der DDR für politische Zwecke vereinnahmt.
Wieder entdeckt
Doch einseitige Sichtweisen werden Amados umfangreichem Werk keinesfalls gerecht. In seiner Literatur beschäftigt sich der Autor nämlich überwiegend mit den sozialen Verhältnissen und den "kleinen Leuten" seiner Heimat Bahia, dem brasilianischen Bundesstaat mit dem höchsten Anteil an Menschen mit afrikanischen Wurzeln. Das zeigt auch sein im Original 1969 erschienener Roman "Die Werkstatt der Wunder". 1972 in der DDR erstübersetzt, ist das Werk nun in einer Neuübersetzung erschienen: Dies nicht nur als Einstimmung auf die Frankfurter Buchmesse 2013 mit dem Gastland Brasilien, sondern auch anlässlich des 100. Geburtstags des 2001 verstorbenen Autors.
Die Neuentdeckung eines Werkes steht auch im Mittelpunkt von Amados Roman "Die Werkstatt der Wunder": Der längst verstorbene, fiktive Ethnologe Pedro Archanjo, der die Lebenswelt des bahianischen Volkes dokumentierte, erfährt im Jahr 1968 eine späte Würdigung. Ein nobelpreisgekrönter, US-amerikanischer Wissenschaftler stellt der brasilianischen Öffentlichkeit den bislang unbeachteten Archanjo als einen der wichtigsten Intellektuellen des Landes vor. Das "Pedro-Archjano-Jahr" wird eingeläutet und ganz Bahia ist in heller Aufregung, gilt es doch, sich eiligst mit einem gänzlich Unbekannten vertraut zu machen:
Zitat
Nun aber wurde plötzlich nicht nur den Journalisten, sondern auch öffentlichen Einrichtungen, der Universität, den Intellektuellen, (...) Dichtern, Professoren, Studenten, Theaterleuten, (...) bewusst, dass sie einen großen Mann, einen illustren Autor besessen, aber nicht gekannt, ihn nicht einmal in Reden erwähnt, sondern ihn ohne jede Würdigung in vollständige Anonymität verbannt hatten. Damit begann der Zirkus um Archanjo und sein Werk. (...) Es galt, die Verspätung gutzumachen, den Fehler zu bereinigen, das Schweigen so langer Jahre zu brechen.
Das eigene Garn gesponnen
Dies ist der Auftakt für eine Gesellschaftssatire: Die Biografie Archanjos - ein Mulatte, der aus armen Verhältnissen stammte, ein Trinker und Frauenheld, der mittellos in der Gosse starb und dazu noch gegen Rassendiskriminierung kämpfte - erweist sich als nicht vorzeigbar. So eignen sich Presse und Universitätsbetrieb ungeniert und völlig willkürlich dessen Werk an und spinnen ihr Garn ganz nach Belieben.
Märchen und Mythen beginnen sich um den Ethnologen zu ranken und schließlich versuchen die politischen Lager, ihren neu gewonnenen Nationalhelden für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Für den heutigen Leser ergibt sich dabei eine doppelte Ironie, denkt man an die Vereinnahmung von Amados Werk durch den staatlich gesteuerten Kulturbetrieb in Ostdeutschland.
Genialer Beobachter
Während die Legendenbildung um die Person des Ethnologen wuchert, erfährt der Leser in Rückblenden die Geschichte von Pedro Archanjo. Als Mann des Volkes, wusste er das Leben nicht nur zu genießen, sondern auch zu beobachten. Dem Autodidakten war die Gabe beschieden, die Bräuche seiner Mitmenschen, entstanden im Schmelztiegel der Ethnien und Kulturen, wie kein anderer von innen heraus zu beschreiben. Als Forschungsobjekt diente ihm sein Stadtviertel; "die Werkstatt der Wunder" - das Atelier eines Freundes, Zechstätte und Künstlertreffpunkt zugleich - war dessen Herzstück:
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Hier kamen Ideen auf, reiften zu Plänen heran und wurden in den Straßen (...) verwirklicht. Wichtige Angelegenheiten wurden erörtert (...), Gesänge, Zauberkraft von Blättern, Formeln für Tieropfer und Fetische. Hier wurden Dreikönigs- und Karnevalsumzüge geplant (...). Die Werkstatt der Wunder war eine Art Senat, bestehend aus den Honoratioren der Armut, eine vielköpfige, bedeutende Versammlung. (...) In dieser Zeit, als junger Mann von kaum mehr als zwanzig Jahren, gewöhnte sich Archanjo an, Geschichten aufzuschreiben, Ereignisse, Nachrichten, Vorkommnisse, Namen, Daten, unbedeutende Einzelheiten, alles, was mit dem Leben der einfachen Leute zu tun hatte.
Der unschwer als Alter Ego des Autors erkennbare Archanjo trat bald auch als Kämpfer für die Rechte der Unterdrückten ein. In einer von Rassismus durchdrungenen Gesellschaft, in der "die Minderwertigkeit von Mischvölkern" diskutiert wurde, forderte er Freiheit und Rechte für Religion, Riten und Tradition der afrobrasilianischen Bevölkerung. Gegen das klassenbewusste Denken der Oberschicht beweist Archanjo in seinen Theorien, dass Schwarze und Mulatten das Fundament der brasilianischen Gesellschaft ausmachen.
Zwangloser Umgang mit der Liebe
Dass die vielzitierte Erotik in Amados Büchern nicht nur verkaufsträchtiges Mittel war, zeigt sich in diesem Werk, in dem Sexualität wie ein Befreiungsschlag wirkt: Der zwanglose Umgang mit der Liebe und die damit einhergehende ethnische Durchmischung sichert das reiche Erbe der Bevölkerung und wird so zur eigentlichen Waffe gegen den Rassismus.
Die Schaffung eines nationalen Bewusstseins für die Mischkultur seiner Heimat war die Hoffnung Amados, der er im Roman durch seine Hauptfigur Ausdruck verlieh. Darüber hinaus versinnbildlicht Archanjo diese einzigartige Identität, die aus der Vielfalt geboren wurde: als Mulatte weder schwarz noch weiß und als Wissenschaftler des Volkes zwischen Glaube und Vernunft:
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Der Pedro Archanjo (...), der Bücher liest und erzählen kann, (...), und der andere, (...), sind das zwei verschiedene Menschen, vielleicht ein Weißer und ein Schwarzer? Täuschen Sie sich nicht (...), es ist nur einer. Eine Mischung aus beiden, ein Einziger, ein Mulatte.
Amado unterstreicht diese Vielfältigkeit auch auf formaler Ebene, in dem er im Roman die unterschiedlichsten Textarten verwendet. Seine dynamische Prosa wird aber auch durch das Element des Übersinnlichen vorangetrieben, in Form von afrobrasilianischen Göttern und Mythen, die immer wieder über die sonst realistische Handlung hereinbrechen. Es ist Magie und Wirklichkeit, die auch hier - in typisch lateinamerikanischer Manier - die Unerbittlichkeit der Geschichte lebendig zu überwinden vermag.
Service
Jorge Amado, "Die Werkstatt der Wunder", aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt von Karin von Schweder-Schreiner, S. Fischer 2012
S. Fischer