Kolumne von Doris Stoisser

Fahrt ins Blaue

Ich kann heute nicht mehr sagen, wann und wo ich diese Bezeichnung gehört habe: Fahrt ins Blaue. Ich weiß aber, dass ich damals die Vorstellung wunderbar fand. Ins Blaue, sicher nach Süden, denn dorthin fuhr man immer, wenn es in die Ferien ging, aber wohin genau, das war das spannende Rätsel an der Fahrt ins Blaue.

Die Fantasie des Kindes machte aus den Worten der Erwachsenen eine Geschichte voller Überraschungen. Von Kärnten aus, dem Ort der frühen Jahre, ist das Meer nahe, Italien gleichsam der Vorgarten, die Adria vertraut und beliebt. Wie viele Orte hatte das Kind noch nicht gesehen! Orte mit vielversprechenden Namen - Schloss Miramare, Capri, Neapel, Palermo, inzwischen sind alle besichtigt, ihren Reiz haben sie dabei nicht verloren.

Natürlich ging's damals nicht ins Blaue. Wenn die Familie in den Urlaub fuhr, war die Ferienwohnung längst gebucht. Aber seither hätte es viele Gelegenheiten für eine solche Reise ins Ungewisse gegeben: ein paar freie Tage vor sich, die Tasche packen und losfahren! Wo immer es mir gefällt, bleibe ich, miete mich ein, erkunde die Umgebung, sitze in kleinen Lokalen, schaue aufs Meer und nichts wartet auf mich.

Rotes Auto und Meer

(c) Schimmer, ORF

Aber warum habe ich das all die Jahre nie gemacht? Meine Reisen hatten ein Ziel, führten irgendwohin, an einen bestimmten Ort, in ein zuvor ausgesuchtes Land. Überraschungen gibt es dennoch zum Glück immer wieder.

Meiner Beobachtung nach haben die meisten Menschen eine Vorliebe für eine Himmelsrichtung - sie wollen eher nach Süden oder eher nach Norden. Die Südfraktion sucht Wärme, das Flair italienischer Städte oder orientalischer Bazare, liebt die Wüste oder den Regenwald, nur keine Kälte, dann kann man das Fremde so richtig genießen. Die Nordfraktion sucht die Frische, die kühlende See, die tiefgrünen Wälder. Das ist sehr vereinfachend ausgedrückt, ich weiß, und ich erinnere mich noch gut an einen heißen August in Finnland, der alles übertraf, was ich in Griechenland je erlebt hatte.

Auf ganz andere Weise ins Blaue fährt man heute, wenn man in Reisebüroprospekten blättert oder online durch die Ferienangebote scrollt - dass dort der Himmel immer blau ist, versteht sich von selbst. Dass aber auch sonst die Farbe Blau dominiert, ist bemerkenswert: So gut wie jedes Hotel - zumindest außerhalb der Städte - ist mit Swimmingpool abgebildet. Mag das Meer auch noch so nahe und noch so einladend sein, es lockt der Pool als absolutes Muss für ein Ferienquartier. Das Foto mit dem Pool ist eine wichtige Information, wenn ich ein Hotel suche, dann weiß ich, dass ich dieses Haus nicht buchen werde, ein Pool bedeutet fröhlichen Lärm und sportliche Aktivitäten am frühen Morgen, was ich lieber vermeide. Dass eine echte Fahrt ins Blaue jetzt endlich fällig ist, das hat mir diese Kolumne gezeigt.

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