Kern: ÖBB "noch nicht am Ziel"

ÖBB-Chef Christian Kern hat gestern die Bilanz für das Jahr 2012 gelegt. Zum ersten Mal seit langem haben die ÖBB nicht nur einen Gewinn gemacht, zum ersten Mal waren auch alle drei Sparten - Personenverkehr, Güterverkehr und Infrastruktur - in der Gewinnzone. Das sei kein Grund sich auszuruhen, sagt Kern im Ö1-Interview "Im Journal zu Gast".

Christian Kern, ÖBB-Chef

(c) Neubauer, APA

Mittagsjournal, 27.4.2013

ÖBB-Chef Christian Kern "Im Journal zu Gast" bei Michael Csoklich

Einfacheres Tarifsystem als Ziel

Die ÖBB seien auf gutem Weg, aber noch nicht am Ziel, sagt Kern. Die ÖBB müssten ihr Kundenservice weiter verbessern, im Güterverkehr internationaler werden und die Verwaltungsstrukturen vereinfachen - "da haben wir immer noch zu viel Speck." Die Umsetzung sei ein langer Prozess, bei dem man schon gut vorangekommen sei. Vereinfachungen kündigt Kern beim Tarifsystem an, wie etwa bei der Vorteils-Card und bei den Verkehrsverbünden. Bei den Ländern ist nach Ansicht Kerns guter Wille vorhanden. Das Ziel solle jedenfalls eine "deutliche Reduktion der Tarife" sein, und bei der Vorteils-Card werde man das " besonders deutlich" wahrnehmen. Das "Endziel" müsse ein einheitlicher Tarif für Verkehrsmittel in Österreich sein, das Problem sei aber die Finanzierung.

"Unpolitischer geworden"

Als positiv stellt Kern fest, dass das Unternehmen "unpolitischer" geworden ist. Wirtschaftlichkeit sei eine klare Priorität geworden, aber auch die Politik habe sich verändert. Die gesellschaftliche Verpflichtung, die die ÖBB habe, könne sie nur erfüllen, wenn sie wirtschaftlich stark sei. Angesicht langfristiger Projekte wie dem Ausbau der Westbahnstrecke oder dem Bahnhof-Programm sei er, Kern, aber nur einer in einer langen Reihe, die bereits Beiträge geleistet haben. Er sorge dafür, dass die Strategie stimmt und sie alle ernst nehmen: "Das ist meine Leistung für 80 Stunden die Woche."

Kritik an EU-Strategie

Das politische Ziel der Verkehrsverlagerung auf die Schiene werde in Österreich "auf einem sehr vernünftigen Weg" verfolgt. "Nicht so sicher" ist sich Kern für den Rest der Europäischen Union. "ich würde mir da mehr Entschlossenheit wünschen." Es gebe ein Weißbuch der EU-Kommission mit deklarierten Zielen, die Maßnahmen fehlten aber noch. Wobei Kern hervorhebt, dass es nicht um eine Pönalisierung des Autos gehe, sondern um faire Wettbewerbsbedingungen für die Bahn. Als Beispiel nennt der ÖBB-Chef aktuell hohe Energiesteuern, konkret den Verlust der Energiesteuerdeckelung und der Mineralölsteuerrückvergütung und den Kauf von CO2-Zertifikaten.

Sparen durch Arbeitszeitverkürzung

Zum Stillstand der Verhandlungen um die Arbeitszeitkürzung auf 38,5 Wochenstunden gegen Verzicht auf Lohnerhöhung sagt Kern, das wäre für die ÖBB die richtige Lösung. Gegenüber einem herkömmlichen Abschluss erspare das den ÖBB 20 Millionen Euro. Er appelliert, daraus kein ideologisches Thema zu machen, sondern den Rechenstift walten zu lassen.