Kaufen für die Müllhalde

Konsumkritische Geschichten beginnen fast immer in den USA und enden zumeist in einem gentrifizierten Soziotop einer europäischen Großstadt. Das ist bei der Geschichte, die uns Jürgen Reuß und Cosima Dannoritzer in "Kaufen für die Müllhalde" erzählen, nicht anders.

Es gelingt ihnen, das verstreute Gemeinwissen über "das Prinzip der geplanten Obsoleszenz" - so der Untertitel des Buches - in einer Weise zusammenzutragen, die einen nach der Lektüre mit dem festen Vorsatz entlässt, beim nächsten Einkauf den Jagdinstinkt zu bändigen und durch Nichterwerb dem einen oder anderen Schnäppchen ein Schnippchen zu schlagen.

Aber der Reihe nach. Amerika. Der Beginn: Als sich im kalifornischen Livermore im Juni 2001 rund 900 Menschen zu einer Geburtstagsparty einfinden, da strahlt der Jubilar. Seit 100 Jahren beleuchtet die "centennial bulb" die örtliche Feuerwache ohne Unterlass, und dass alle Übrigen ihres Jahrgangs längst durchgebrannt sind, ist nicht etwa deren liederlichem Lebenswandel geschuldet, sondern einem Grüppchen von Glühbirnenfabrikanten, die sich still und heimlich auf eine verbindliche, künstlich verkürzte Lebensdauer der neuartigen Leuchtmittel geeinigt und den Weltmarkt unter sich aufgeteilt haben - eine verschworene Interessensgemeinschaft, die unter dem Namen Phoebus-Kartell bis heute als die Mutter aller Industriekartelle gilt.

Im Buch wird dieses dunkle Kapitel der Glühbirnengeschichte detailreich nacherzählt. Eigentlich ist "Kaufen für die Müllhalde" ja ein Film, einer der wenigen Filme, die kurzzeitig die Arte-Quote in ungeahnte Höhen schnellen ließ, ein Nischenfilm mit Sickerwirkung ins breitenpublizistische Feld. Konsum geht uns alle an, und die Herausgabe des Buches ist ein Indiz dafür, dass wir die Metadebatte über den Konsum noch längst nicht so satt zu haben scheinen wie das Konsumieren selbst. Und wer denkt, er oder sie sei noch nie in die Wegwerffalle getappt, der fühle sich nicht kalt erwischt, wenn die Autoren beschreiben, wie diese zuschnappt:

Affinität zu allem Neuen

Sogenannte Antifeatures - also im Fall des Druckers ein integrierter Chip, der den Druckvorgang nach dem soundsovielten Durchlauf blockiert - sorgen dafür, dass Produkte tatsächlich weniger dürfen, als sie eigentlich können. Sie stellen einen Sonderfall - und im Ganzen gesehen einen Bruchteil - geplanter Obsoleszenz dar, und so verwundert es doch, dass der Begriff in "Kaufen für die Müllhalde" nicht ein einziges Mal erwähnt wird und der Drucker als vermeintliches Pars-pro-toto für geplante Obsoleszenz das Buch einleitet.

Die viel ältere Form der geplanten Obsoleszenz ist aber jene, die ziemlich neue Produkte nach kurzer Zeit verdammt alt aussehen lässt. Dass diese Affinität zu allem Neuen nicht naturgegeben ist, zeigen die Autoren in einer kleinen Geschichte der massenindustriell gefertigten Waren auf. Zu Henry Fords Zeiten stand die Langlebigkeit eines Produktes im Vordergrund.

In den 20 Jahren seiner Produktion hatte sich der Ford Modell T kaum verändert, und vielleicht würde er noch heute vom Band rollen, wenn da nicht Mitte der 1920er Jahre General Motors feststellen hätte müssen, dass mit den bis dahin gebräuchlichen Mitteln gegen den T nichts auszurichten war. Also setzte man bei GM auf eine für die damalige Zeit unkonventionelle und überaus riskante Strategie, brachte sich mit frischen Farben und fahrzeugtechnischen Innovationen erfolgreich in Stellung und wurde zum wichtigen Player in einem bis dahin von Ford quasimonopolistisch beherrschten Markt.

Design statt Qualität

Mit zahlreichen anderen historischen Beispielen dokumentieren die Autoren, wie im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts die Qualität eines Produktes zusehends in den Hintergrund geriet und mehr und mehr vom Design und der mit dem Produkt mitverkauften Botschaft abgelöst wurde. Recht anschaulich wird das auch an der Geschichte des Nylons aufgezeigt, das - eigentlich aus einer Rohstoffnot entwickelt - gleichsam über Nacht die Seidenstrumpfwelt am Kopf stellte.

In einem weiteren Kapitel werden die Laufmaschen der Green Economy behandelt. Das ist alles nicht unspannend, aber man fragt sich fallweise dann doch, ob ein Buch funktionieren kann, das mehr als Flickwerk der Filmsequenzen denn als formal eigenständiges Medium daherkommt. Das Schließen des Buches mit Best-Practice-Beispielen über Leihläden am Prenzlauer Berg ist einerseits stimmig, weil es seine politisch korrekte Ambition illustriert, es ist aber auch ärgerlich, weil das wiederholte Umfüllen des alten Weines in neue Schläuche den Wein an sich nicht besser macht. Ein Schelm, wer "Obsoleszenz" liest und adjektivisch dabei denkt.

Text: Josef Bichler

Service

Jürgen Reuß, Cosima Dannoritzer, "Kaufen für die Müllhalde. Das Prinzip der geplanten Obsoleszenz", Orange Press Verlag

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