Soutines letzte Fahrt

"Ein Roman über Kindheit, Krankheit und Kunst" - selten einmal bringt der Klappentext ein Buch so auf den Punkt. Und dies nicht nur, weil er die Brennpunkte dieses Romans präzise benennt, sondern vor allem weil er in seinen Assonanzen die Musikalität dieses Textes wiedergibt und das expressive Staccato seiner Sätze aufnimmt. Ralph Dutlis Roman "Soutines letzte Fahrt" ist ein Ausnahme-Roman über einen Ausnahme-Künstler.

Kindheit, Krankheit und Kunst

Die Kindheit: Der Maler Chaim Soutine ist 1893 im Schtetl von Smilowitschi in der Nähe von Minsk geboren, als zehntes von elf Kindern eines jüdischen Flickschusters. Für seinen unbändigen Drang zu zeichnen und zu malen wird er verprügelt - das jüdische Bilderverbot. Soutine entkommt der Enge dieses 400-Einwohner-Ortes zunächst nach Minsk, dann 1910 nach Wilna; dort, in der heutigen litauischen Hauptstadt Vilnius, die damals noch zum russischen Zarenreich gehörte, absolviert er eine dreijährige Ausbildung an der Kunstakademie. Sein Ziel jedoch ist und bleibt Paris. 1913 erreicht er es, und die restlichen dreißig Jahre seines Lebens wird er in Frankreich bleiben.

Die Krankheit: Chaim Soutine leidet an einem Magengeschwür, hervorgerufen durch Hunger und Alkoholexzesse. Der Schmerz wird zum Motor seiner Kunst - gerade dafür findet Ralph Dutlis Roman die richtigen Worte.

Die Kunst: Ralph Dutli übersetzt sie in Sprache, er widersteht jeder banalen Bildbeschreibung. Liest man den Roman, hat man das Gefühl, in diesen Bildern zu leben. in ihren Farben. Eindrücklich tritt der Furor hervor, der diese Kunst gebiert - und sie wieder zerstört. Die Zerstörungsorgien des Malers werden unmittelbar erlebbar, das Scherenritual, das Feuerritual. "Keiner hat mehr Bilder zerstört als er, keiner", heißt es schon auf den ersten Seiten des Romans. Der Roman scheut sich auch nicht, mit den Interpretationen dieser Kunst in Dialog zu treten.

Der letzte Tag im Leben von Chaim Soutine

Ralph Dutli erzählt halb dokumentarisch, halb fiktiv - das ist schon oft schief gegangen. Nicht selten entsteht aus dieser Mischung ein schlechter Roman, der besser ein Sachbuch wäre - würde er nur die Fiktion nicht dazu missbrauchen, sich über fehlende Fakten hinwegzuturnen. Doch Ralph Dutli gelingt der Drahtseilakt, weil er souverän über die Fakten verfügt, aber ihnen keine Vorherrschaft über den Roman zugesteht.

Der Roman ist dominiert von der Konstruktion, die der Titel benennt: Alles ist zusammengedrängt auf einen einzigen Tag im August 1943, den letzten Tag im Leben von Chaim Soutine. Ruhiggestellt mit Morphium, fährt er in einem schwarzen Leichenwagen durch halb Frankreich. Im von Nazideutschland besetzten Land muss er sich verstecken, aber die Operation seines Magengeschwürs ist unaufschiebbar geworden. In der Provinz, im Städtchen Chinon, will Marie-Berthe, seine letzte Gefährtin, die Operation nicht zulassen - oder die Ärzte weigern sich, den illegalen Juden zu operieren, wie der Romanschuss nahelegt.

Marie-Berthe oder Ma-be, wie Soutine sie nennt, "die Verflossene von Max Ernst", wie sie ihm bei der ersten Begegnung vorgestellt wurde - diese Frau setzt alles daran, eine Operation in Paris zu ermöglichen. Aber für Soutine ist die Stadt jetzt nur über versteckte Umwege erreichbar - deswegen der schwarze Leichenwagen und die Kostümierung des gerade noch Lebenden als Leiche im Sarg.

Das Leben passiert Revue

Im Erzählfluss ist diese Situation immer wachgehalten: Soutine liegt im Leichenwagen, sein Leben passiert ein letztes Mal Revue. Keine Zeit zu verlieren - es ist kein Entkommen aus dem Satz-Staccato des Romans, das sich - und hier liegt die größte Leistung des Sprachvirtuosen Ralph Dutli - auf 270 Seiten nicht abnutzt, nicht redundant wird. Schlüsselszenen wiederholen sich, Zeitgenossen treten auf, um durch Abgrenzung die Einzigartigkeit des Künstlers Chaim Soutine zutage treten zu lassen.

Um ihn abzuheben von den Voraussetzungen der Kunst und des Lebens der Surrealisten genügt ein Satz: "Die Surrealen liebten das Chaos, aber ein Pogrom hatten sie nie gesehen (...) Sie genossen die Verachtung der bourgois, aber sie hatten nie in die Wälder fliehen müssen, um die eigene Haut zu retten." Auch in der Nähe zu Modigliani, der ihn porträtiert und bei seinem Galeristen eingeführt hat, tritt das Spezifische, das Unverwechselbare von Chaim Soutine zutage.

Schlussakkord

Alles aus der Perspektive des letzten Tages, der Fahrt im Leichenwagen. Aber Ralph Dutli widersteht der Versuchung, in das Gehirn des Malers zu kriechen, ja er ironisiert am Schluss sogar die in dieser Konstellation so nahe liegende Methode des inneren Monologes. Das Ich im Roman gehört verschiedenen Personen, manchmal auch dem Erzähler, vor allem am Schuss, wo er am Grab des Künstlers am Friedhof Montparnasse einen Teilnehmer am Begräbnis Soutines auftreten lässt - einen der wenigen neben Picasso und Jean Cocteau; und Soutines beiden Frauen aus den letzten Lebensjahren. Dutlis Erzählen gibt auch ihnen Raum, lässt sie zu Wort kommen.

Und er findet in folgenden Sätzen einen genialen Roman-Schluss:

Doch Dutli belässt es nicht bei diesem Schlussakkord, er bricht auch den noch auf und endet mit einer Frage: "Wer aber ist Armand Merle?" Armand Merle, das ist der mysteriöse Unbekannte, der am Begräbnis Soutines teilgenommen haben will und am Grab den Romanautor attackiert. So ist am Schluss noch einmal alles offen: die Biografie Soutines und ihre Deutung, das ganze Erzählen.

Nur eines ist sicher: Chaim Soutine, den Alberto Giacometti als "extraordinaire" und als den größten Maler dieses Jahrhunderts" bezeichnet hat, hat hier den ihm adäquaten, ihn in seinem Rätsel belassenden Roman gefunden - ein Buch, von dem künftig immer die Rede sein muss, wenn es um die Möglichkeit des biografischen Romans geht. Einen Roman, der im Gegensatz zu anderen, die mehr Furore machen, diese Saison lange überdauern wird. Einen Roman, den man ebenso wenig aus der Hand legen kann, wie Ralph Dutli sich nicht abwenden kann von den Bildern von Chaim Soutine.

Service

Ralph Dutli, "Soutines letzte Fahrt", Wallstein Verlag