2013 - Die Samenbomben

Mit der letzten Folge unserer Serie "Zum Greifen nah" sind wir im Jahr 2013 und damit in der Gegenwart angekommen. In unserer Hand liegt eine Kugel aus einem Erde-Ton-Gemisch, die Blumensamen enthält.

Diese Samenbomben lassen sich heute zwar im Reformhaus, im Bioladen und im Blumengeschäft kaufen, haben aber subversive Wurzeln: Man nennt es Guerilla-Gardening. Die Anfänge des Guerilla-Gärtnerns sind zwar schon im New York der 1970er Jahre zu finden, gerade in letzter Zeit hat die Bewegung aber wieder großen Zulauf bekommen. Und der Brite Richard Reynolds hat den "Grünen Brigaden" mit seinem Buch "Guerilla-Gärtnern" sogar ein botanisches Manifest geliefert.

Samenbomben

(c) Popp, ORF

Welche Breitenwirkung diese neue Grünbewegung derzeit entfaltet, zeigt sich auch auf Reynolds Website. Dort haben sich in kürzester Zeit 19.000 Guerilleros aus fast 40 Ländern eingetragen.

Bäume auf der Autobahn

Die Eingriffe der botanischen Guerilleros in den Stadtraum können ganz unterschiedlicher Natur sein. Eine radikale Londoner Gruppe hat etwa in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einen Autobahnstreifen abgesperrt, den Asphalt aufgerissen und dort zwei Bäume gepflanzt. Weit sensibler war da der Eingriff eines Wiener Studenten, der einen Aschenbecher in einer Wiener U-Bahnstation zum Blumentopf umfunktioniert und dort eine Pflanze zum Blühen gebracht hat.

Auch die Kunst trägt diesem Zeitgeistphänomen Rechnung. Am deutlichsten spielt wohl der Künstler Olafur Eliasson mit diesem Überraschungsmoment, das entsteht, wenn die Natur plötzlich und unerwartet in den Stadtraum einbricht. So hat er in der Londoner Tate Modern die Sonne aufgehen lassen, Wasserfälle konstruiert, die unter der Brooklyn Bridge in den New Yorker East River stürzten und Am Hof in der Wiener Innenstadt Nebelschwaden inszeniert, die in den abendlichen Himmel steigen.

Samenbombe

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Natur in der Stadt

Den Guerilla-Gärtnern reicht es aber nicht mehr, derartige temporäre Blickfänge zu schaffen. Die Natur soll vielmehr nachhaltig in die Stadt integriert werden. Statt die Brachen einfach nur mit Samenbomben zu beschießen, werden sie besetzt und bewirtschaftet. "Pflanz Dir Deine Stadt" fordern die Wiener Guerilla-Gärtner auf ihrer Website und, liest man weiter, merkt man, dass es den Zuständigen um weit mehr geht als um Stadtbegrünung:

Mittlerweile sind Gemeinschaftsgärten an allen Ecken und Enden der Großstädte zu finden. In London haben sich sogar mitten im hippen East End richtige Landwirtschaften etabliert, in denen auch Vieh gezüchtet wird. Damit wird ein Stadtbild wiederbelebt, wie es vor Einsetzen der industriellen Revolution gang und gebe war.

Schrebergärten hoch im Kurs

Die neuen Stadtgärtner treibt weniger die wirtschaftliche Not an, sie wollen vielmehr die Kontrolle darüber haben, woher ihre Lebensmittel kommen und ob sie nach biologischen Richtlinien gewachsen sind. Globalisierungskritik und der Wille zur Nachhaltigkeit spielen da eine zentrale Rolle. Daneben ist aber auch noch eine andere Tendenz zu bemerken und die scheint eine Reaktion zu sein auf die Beschleunigung und Übertechnisierung des Alltags.

Wurde Gärtnern lange Zeit als spießig betrachtet und den Großeltern überlassen, so stehen mittlerweile auch bei den jüngeren Generationen der Schrebergarten und das Häuschen im Grünen wieder hoch im Kurs. Während der Garten für diese Menschen ein individueller Rückzugshort ist, stellt er für die Gemeinschaftsgärtner jedoch eine politische Spielwiese dar. Gleichzeitig mit Tomaten, Kopfsalat und Radieschen soll auch der soziale Zusammenhalt wachsen. Dem urbanen Moloch wollen die Gemeinschaftsgärtner so die Zähne ziehen und etwas tun gegen die immer wieder kritisierte Anonymität der Großstadt.

Das alles lässt sich aus einer unscheinbare Samenbombe über unsere Gegenwart herauslesen. Damit beschließt sie unsere Serie "Zum Greifen nah", in der mehr als 40 Alltagsgegenstände die Geschichte vom Jahr 1900 bis heute erzählt haben.