Bienendemokratie

Thomas Seeley ist Bienenforscher an der Cornell University im Bundesstaat New York. Mittlerweile ist er stolzer Besitzer von 80 Bienenstöcken. Aber: Jeder fängt klein an. Im Fall von Thomas Seeley handelte es sich dabei um einen einzigen, einsamen Bienenstock, wie er erzählt.

"Ich entdeckte meine Liebe zu Bienen schon als Teenager", so Seeley. "Eines Tages fand ich einen Bienenschwarm und brachte ihn nach Hause. Anfangs besaß ich keinen richtigen Bienenstock und hielt die Insekten daher in einer einfachen Schachtel. Wenn ich den Deckel hob, konnte ich beobachten, was drinnen im Bau vor sich ging: Da waren Tausende von Bienen, die harmonisch zusammenarbeiteten. Von da an ließen mich die Bienen nicht los."

Mittlerweile hat Seeley 80 Bienenstöcke. Wie studiert man so viele Bienen? Wie hält man sie auseinander? "Jede einzelne Biene ist markiert, so als hätte sie ein Nummernschild", antwortet er. "Wir kleben eine kleine Plastikmarkierung in einer bestimmten Farbe und mit einer Nummer versehen auf ihren Rücken. Es gibt Hunderte und Aberhunderte Farb- und Zahlenkombinationen. Wenn es sein muss, können wir jede Biene noch zusätzlich mit einem kleinen Farbtupfer auf dem Bauch markieren. Und so sind Tausende Bienen eines bestimmten Bienenstocks unverwechselbar gekennzeichnet."

Angeborenes demokratisches Verhalten

In Thomas Seeleys Buch "Bienendemokratie" geht es um das kollektive Verhalten der Insekten. Die Demokratie der Bienen unterscheidet sich freilich grundlegend vom menschlichen Gegenstück: Sie ist den Insekten angeboren. Es handelt sich also um programmiertes Verhalten. Wie bemerkenswert harmonisch und effizient diese kollektiven Prozesse ablaufen, beschreibt der Autor ausführlich am Beispiel, wie Bienen sich ein neues Nest suchen:

"Der ganze Prozess der Suche nach einem neuen Zuhause dient dem Vermehren von Kolonien. Und das findet jeweils im späten Frühling bzw. im Frühsommer statt. Eine bestehende Kolonie teilt sich also. Wir nennen diesen Prozess 'Schwarmbildung'. Zwei Drittel der Bienen einer Kolonie verlassen das Nest. Das übrige Drittel bleibt zurück und zieht eine neue Königin heran. Der Bienenschwarm, der das Nest verlässt, besteht aus rund 12.000 Arbeiterinnen und der alten Königin."

Ein solcher Schwarm fliegt nicht weit. Die Bienen lassen sich, dicht aneinander gedrängt, wie eine riesige Insektentraube auf einem Ast nieder. Wenn die Bienen ihr angestammtes Nest verlassen, sind sie gut genährt und können auf diese Weise tagelang ausharren. Nun werden die Kundschafterinnen aktiv. Das sind die ältesten und erfahrendsten Mitgliederinnen der Kolonie. Ihre Aufgabe ist es, nach einem neuen Nistplatz zu suchen.

"Ein gutes, neues Zuhause ist geräumig. Es fasst etwa 30 Liter", sagt Seeley. "Der Eingang ist idealerweise klein - nur etwa 15 Quadratzentimeter groß. Bienen brauchen also großzügige Räumlichkeiten und eine kleine Eingangstüre. Und zwar aus zwei Gründen: Sie brauchen Platz, um ihre Waben zu bauen, damit sie Honig lagern und Nachkommen großziehen können. Ein kleiner Eingang wiederum macht es leichter, das Nest gegen Eindringlinge zu verteidigen. Und im Winter dringt weniger Kaltluft ein. Ein solches Nest ist windgeschützter."

Bis zu zehn Minuten Schwänzeltanz

Wenn eine Kundschafterin zurückkehrt, tanzt sie den berühmten Schwänzeltanz. So teilt sie anderen Kundschafterinnen mit, in welcher Richtung das neue Nest liegt und wie weit es entfernt ist. Da mehrere Kundschafterinnen gleichzeitig reportieren, sehen die Bienen in der Traube mehrere Tänze gleichzeitig. Die Entscheidungsfindung sei dennoch nicht schwierig, erklärt Thomas Seeley:

"Die Intensität, wie sehr die Kundschafterin ihren Nistplatz bewirbt, hängt davon ab, wie sehr er die Kriterien erfüllt. Wenn eine Biene ein ausgezeichnetes neues Zuhause findet, dann tanzt sie ihren Schwänzeltanz gut zehn Minuten lang. Aber wenn sie zurückkommt und das mögliche neue Nest ist nicht ideal, weil es zu klein oder der Eingang zu groß ist, dann tanzt sie vielleicht nur eine Minute lang. Das heißt: Ein gutes neues Nest wird zwangsläufig von Anfang an die Aufmerksamkeit von mehr Bienen erregen."

Bienen, so Thomas Seeley, sind ehrlich. Wenn eine Kundschafterin begeistert zehn Minuten lang tanzt, dann handle es sich tatsächlich um einen ausgezeichneten Nistplatz. Im nächsten Schritt inspizieren der Reihe nach andere Kundschafterinnen das interessante Immobilienobjekt und teilen ihre Eindrücke mit. Thomas Seeleys langjährige Erfahrungen mit den Bienen haben eines gezeigt: Mit dieser Methode findet der Schwarm nahezu ausnahmlos eine gute, neue Unterkunft. Der friedliche Prozess der Übersiedlung wird nur dann gewalttätig, wenn Konkurrenz auftaucht.

"Wenn die Kundschafterinnen von zwei Schwärmen sich für ein und denselben Nistplatz entscheiden, bekämpfen sie einander unerbittlich", berichtet Seeley. "Sie stechen einander und versuchen, sich gegenseitig umzubringen. Eine Gruppe wird schließlich als siegreich hervorgehen und den Nistplatz für den Schwarm beanspruchen."

Keine Lügen

Thomas Seeley Buch lautet im Untertitel: Wie Bienen kollektiv entscheiden, und was wir davon lernen können. Die Fülle der Optionen etwa, die einem Schwarm von den verschiedenen Kundschafterinnen unterbreitet werden. Und die Qualtiät eines Nests wird jeweis ehrlich präsentiert. Keine Biene würde je einen schäbigen Nistplatz als ideal anpreisen.

"Die Bienen haben einen großen Vorteil: Sie haben alle das gleiche Ziel", sagt Seeley. "Sie wissen alle, wie eine richtige Entscheidung auszusehen hat. Sie sitzen alle im selben Boot. Sie überleben, wenn sie ein gutes Zuhause finden, und sie gehen alle gemeinsam zugrunde, wenn sie ein schlechtes wählen."

Das treffe auch auf Parlamente zu, meint Thomas Seeley. Bloß vergessen die Gesetzgeber oft, dass sie die Interessen des ganzen Landes und nicht nur die einer kleinen Gruppe vertreten sollen.

Service

Thomas D. Seeley, "Bienendemokratie. Wie Bienen kollektiv entscheiden und was wir davon lernen können", übersetzt von Sebastian Vogel, S. Fischer Verlag