Mein Weg vom Kongo nach Europa

Mehr als 50 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht - ein trauriger Höchststand, der 2014 zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht wurde. Nach wie vor kommen viele dieser Flüchtlinge aus den Ländern Zentralafrikas. Einer von ihnen ist der Kongolese Emmanuel Mbolela.

In Mbolelas autobiografischen Erzählung "Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil" hat Mbolela die widrigen Umstände seiner sechsjährigen Flucht aus dem Kongo festgehalten. Sein Weg durch die Sahara über Nordafrika bis nach Europa hat unter menschenunwürdigen, zum Teil lebensbedrohlichen Umständen stattgefunden.

Das Leben riskieren

Fast 60.000 Menschen sind im vergangenen Jahr über das Mittelmeer nach Europa geflohen. Nach Angeben des UNHCR, des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen, haben 600 Menschen dabei ihr Leben verloren. Es handelt sich um eine Schätzung, die Dunkelziffer ist vermutlich höher.

Ihr Leben riskieren diese Flüchtlinge jedoch nicht erst bei der Überfahrt. Um an die Tore der "Festung Europa" in Nordafrika zu gelangen, müssen Asylsuchende aus Zentralafrika neben zahlreichen Ländern auch die Sahara durchqueren. Sie sind mit korrupten Grenzbeamten, Hunger, Durst und Gewalt konfrontiert. Dass es sich bei der überwiegenden Mehrheit um Vertriebene handelt, die zur Flucht gezwungen waren, wird von der europäischen Öffentlichkeit vielfach ignoriert.

Verfolgung und Bestechung

Einer von ihnen ist Emmanuel Mbolela. Weil er sich in seinem Heimatland, der Demokratischen Republik Kongo, gegen das korrupte Regime des Präsidenten Kabila engagierte, war er zur Emigration gezwungen:

"Ich musste den Kongo im Jahr 2002 verlassen. Damals gab es in Südafrika Friedensgespräche, um den Bürgerkrieg im Kongo zu beenden. Das Ziel dieses interkongolesischen Dialogs war es, die Demokratie wieder aufzubauen und neue, nicht-korrupte Institutionen zu schaffen. Präsident Kabila hat diesen Friedensprozess von Kinshasa aus jedoch laufend torpediert. Gemeinsam mit einer anderen Rebellengruppe haben sie die politischen Posten unter sich aufgeteilt. Die friedliche Opposition wurde dabei nicht berücksichtigt. Dagegen haben wir protestiert und weiter den Kandidaten der demokratischen Partei UDPS unterstützt. Bei einer großen Demonstration sind dann Polizei und Militär mit Gewalt gegen uns vorgegangen. Zwei meiner Mitstreiter wurden erschossen. Viele von uns, mich eingeschlossen, wurden interniert und sofort zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Mit Hilfe meiner Eltern ist es mir gelungen, aus dem Gefängnis rauszukommen, aber ich musste das Land sofort verlassen."

Die Eltern unterstützen Emmanuel Mbolela auch finanziell. Ohne Visa mussten zahlreiche Grenzübertritte erkauft, Mitfahrgelegenheiten und Übernachtungsmöglichkeiten teuer bezahlt werden. An den Verbleib in einem Transitland war nicht zu denken. Überall drohte Verfolgung und Repression.

In der Wüste ausgesetzt

In der Wüste, auf dem Weg nach Algerien, wurden Mbolela und seine Mitreisenden zunächst brutal ausgeraubt und schließlich von ihren Schleppern ausgesetzt, ohne Wasser und Essen. Vom Kongo nach Kamerun, Nigeria, Benin, Burkina Faso, Mali nach Algerien - 2002 hatte Emmanuel Mbolelas Flucht begonnen, zwei Jahre später erreichte er Marokko. In Sicherheit waren die Flüchtlinge dort dennoch nicht, erzählt er:

"Es war eine menschenunwürdige Behandlung, wir hatten dort keinen Wert als menschliche Wesen. Wir hatten keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Die Flüchtlingskinder durften nicht in die Schule gehen, wir durften nicht arbeiten. Die Polizei hat in unseren Quartieren mitten in der Nacht Razzien durchgeführt, uns alle in Busse verfrachtet und nach Uschda an der Grenze zwischen Algerien und Marokko abgeschoben. Egal, ob Sommer oder Winter, man hat die Flüchtlinge einfach in der Wüste ausgesetzt. Eine schreckliche Situation."

Immer wieder Polizeiwillkür

Fast vier Jahre verbrachte Emmanuel Mbolela in Marokko, die meiste Zeit in der Stadt Rabat. Die Flüchtlinge hatten dort mit Polizeiwillkür zu kämpfen, mehrmals im Monat erfolgten sogenannten Rückschiebungen, immer unangekündigt. Der offizielle Flüchtlingsstatus des UNHCR, den Mbolela und viele andere Emigranten in Marokko hatten, nützte ihnen nichts. Emmanuel Mbolela gründete daraufhin gemeinsam mit anderen Asylsuchenden eine Flüchtlingsorganisation, um diese Missstände öffentlich zu machen.

"Wir haben die ARCOM gegründet, eine Vereinigung der Migranten und Asylsuchenden aus dem Kongo, die in Marokko leben", berichtet Mbolela. "Als Einzelpersonen konnten wir nicht auf unsere Rechte pochen. Wir haben auch mit marokkanischen Menschenrechtsorganisationen und europäischen Aktivisten zusammengearbeitet und konnten so die Polizeigewalt öffentlich machen. Wir konnten uns innerhalb der Organisation auch besser über die Razzien und Rückschiebungen in die Wüste austauschen, um den Betroffenen helfen zu können und sie nach Rabat zurückzuholen."

UNHCR in Geiselhaft der EU

In seinem Buch "Mein Weg vom Kongo nach Europa" räumt Emmanuel Mbolela mit der Vorstellung auf, dass es für Asylsuchende aus Zentralafrika möglich ist, sich auf ihrem Kontinent, etwa in einem Nachbarland, eine sichere Existenz aufzubauen. Auf der Suche nach Hilfe vom UNHCR, dem Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nation, stand der Kongolese oft vor geschlossenen Büros, etwa in der Stadt Garoua in Kamerun oder in Benin. Und auch in Marokko wurden die Hoffnungen des Flüchtlings auf Schutz durch das UNHCR enttäuscht:

"Das UNHCR hat in Marokko eine sehr schwierige Rolle: Einerseits hat das Flüchtlingskommissariat eine humanitäre Mission vor Ort, andererseits muss es dort auch die Interessen der Europäischen Union vertreten. Die EU hat ihre Grenzpolitik nach Nordafrika ausgelagert. Das UNHCR ist gewissermaßen dazu gezwungen, weil von diesen Ländern viel Geld für die Organisation kommt. Doch das größte Problem war, dass sie angesichts der Polizeigewalt und der Rückschiebungen geschwiegen haben, obwohl viele der Betroffenen einen offiziellen Flüchtlingspass des UNHCR hatten. Das Flüchtlingskommissariat hat sich meiner Meinung nach zu einem Komplizen des marokkanischen Staats und der Einwanderungspolitik der EU gemacht. Deswegen haben wir vor dem Sitz des UNHCR in Marokko mit Sit-Ins demonstriert - für den Schutz der Flüchtlinge."

Hilfsarbeiter mit Wirtschaftsstudium

2008, sechs Jahre nachdem Emmanuel Mbolela sein Heimatland wegen politischer Verfolgung verlassen musste, erhält er eine offizielle Niederlassungsbewilligung für die Niederlande. Auch dort nimmt die Ausbeutung kein Ende. Im Kongo hatte er Wirtschaftswissenschaften studiert, in den Niederlanden fand er nur als Hilfsarbeiter eine Anstellung. Das Gehalt reichte kaum zum Überleben, er musste in der Nacht arbeiten. Seine Kollegen waren wie er alle Emigranten, sein Vorgesetzter respektlos und rassistisch, eine Situation, mit der Asylsuchende in ganz Europa konfrontiert sind. Heute kämpft Emmanuel Mbolela als Aktivist in Europa gegen Rassismus und für globale Bewegungsfreiheit.

"Ich habe das Buch geschrieben", sagt Mbolela, "um die europäische Öffentlichkeit zu sensibilisieren, um sie darüber zu informieren, warum Menschen dazu gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und über die lebensbedrohlichen Umstände auf der Flucht. Noch schlimmer war die Behandlung der Frauen, die oft misshandelt und vergewaltigt werden. Kinder sterben wegen der mangelnden Hygiene. Das hat alles mit der zynischen Grenzpolitik der Europäischen Union zu tun, die die Menschenrechte missachtet. Das Buch richtet sich vor allem an jene Männer und Frauen, die den Willen haben, sich für Flüchtlinge einzusetzen und die Migrationspolitik verändern wollen. Das ist die Idee hinter diesem Buch."

"Mein Weg vom Kongo nach Europa" ist nicht nur das engagierte und präzise Tagebuch einer sechsjährigen Flucht. Emmanuel Mobolela gibt Einblick in das Schicksal Tausender Flüchtlinge, liefert politische Analysen, zeigt die Maßnahmen der Repression auf und stellt klar, dass die Ausbeutung selbst in Europa kein Ende hat.

Warum das Buch lesenswert ist, bringt der Schweizer Soziologe Jean Ziegler in seinem Vorwort auf den Punkt: Emmanuel Mbolelas Buch ist deshalb so beeindruckend, schreibt Jean Ziegler, weil es nicht nur ein Buch der mutigen, detailgenauen Brandmarkung ist, sondern auch ein Buch der unausrottbaren Hoffnung, ein Buch des Widerstandes, des Aufstandes des Gewissens.

Service

Emmanuel Mbolela, "Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil", deutsche Übersetzung von Dieter Alexander Behr, Mandelbaum Verlag

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