Wie umgehen mit genetischen Daten?
Die Nutzen von Diensten im Internet liefert Aufschlüsse über das Verhalten der Computer- und Smartphone-Benützer, auch über gesundheitsspezifisches Verhalten. Und mittlerweile gibt es noch weitaus persönlichere Daten, nämlich genetische Informationen. Wie kann man damit verantwortungsvoll umgehen? Das wird beim Europäischen Forum Alpbach unter dem Titel "Objektivierung des Menschen" diskutiert.
27. April 2017, 15:40
Mittagsjournal, 18.8.2014
Mehr Fragen als Antworten
Ozzy Osbourne ist entschlüsselt. 2010 wurde das Erbgut des Heavy Metal-Stars analysiert - ein Mann bekannt für Alkohol, Drogen, Exzesse jeglicher Art. Was sagt sein Genom darüber? "Just incredibly boring", sagt Han Brunner, Humangenetiker an der katholischen Radboud-Universität Nimwegen in den Niederlanden. Die Analyse hat unter anderem ergeben, dass Ozzy Osbourne ein erhöhtes Risiko hat, von Kokain oder Alkohol abhängig zu werden; wirklich gewundert hat das weder die Forscher noch den Hard-Rock-Star. Hinter solchen Anekdoten steht ernsthafte Wissenschaft, deren Möglichkeiten auch unsere Gesellschaft verändern.
Der Reihe nach: circa 20.000 Gene hat ein Mensch. Diese analysieren zu lassen kostet heutzutage nur mehr ein paar hundert bis wenige Tausend Euro und fragwürdige Tests werden auch im Internet angeboten. Ein Gentest kann die Veranlagung zu manchen Krankheiten offenbaren. Viel Information ist heute noch gar nicht verständlich und nutzbar, so der Genetiker Brunner. Das, was man mit heutigem Wissensstand herauslesen kann, wirft viele Fragen auf: Sollten wir Krankheiten vorhersagen, die noch gar nicht ausgebrochen sind? Sollten wir überhaupt eine genetische Analyse machen, wenn eine Therapie für eine bestimmte Krankheit noch gar nicht verfügbar ist? Und auch wenn: was nützt es, wenn die Gefahr, dass die Erkrankung ausbricht, extrem gering ist? Zumal: viele gängige Erkrankungen - Stichwort Lebensstilerkrankungen - sind auf ein ganzes Bündel an Faktoren zurückzuführen und nicht auf ein einziges Gen. Und um auf Ozzy Osbourne zurückzukommen: lassen sich aus den Genen tatsächlich Neigungen lesen?
Warnung vor falschen Schlüssen
Der Humangenetiker Brunner hat 20 Jahre lang eine Familie untersucht - und 1993 dann ein vermeintliches Aggressions-Gen ausgemacht. Doch sei das wenig aussagekräftig - denn es trage jeder dritte Mann. Um nur ein Beispiel zu nennen, dass wir mit Informationen noch nicht wirklich Wissen und Sicherheit haben. Informationen zu unserer Gesundheit werden immer mehr. Im kommenden Jahr werde ein durchschnittliches Spital unvorstellbare 665 Terabyte Daten pro Jahr produzieren, rechnet John Quackenbush vor, Bioinformatiker an der angesehen Harvard School in Boston. Sein Spezialgebiet ist, wie das Wissen um das menschliche Erbgut genützt werden kann. Riesige Datenmengen allein sind noch kein Allheilmittel, warnt der Bioinformatiker. Noch brauche es viel Forschung, so Quackenbush. Wir müssen noch viel forschen - wie man die riesigen Datenmengen interpretieren und verstehen kann, so die Conclusio hier beim Europäischen Forum Alpbach. Sonst zieht man die falschen Schlüsse und bringt Äpfel mit Birnen in Zusammenhang.
