Back Bone Jihad: Junge IS-Fans in Wien

Im Wiener Jugendzentrum Back Bone treffen sich im gleichnamigen Verein einmal pro Woche 30 muslimische Jugendliche. Manche fühlen sich von den Grausamkeiten der Terrormiliz Islamischer Staat nicht völlig abgestoßen. Einzelne überlegen sogar, selbst in Syrien zu kämpfen.

Morgenjournal, 15. September 2014

Reportage von

Bernt Koschuh war in dem Jugendzentrum von Back Bone in Wien und hat mit einigen dieser jungen Menschen über deren Gedanken und Gründe, die sie IS gut finden lassen, gesprochen.

Chancenlos in Österreich

Eine Gruppe von Buben sitzt an einem Computer im Wiener Jugendzentrum Back Bone und sieht sich ein Propaganda-Video von IS, dem selbsternannten islamischen Staat, an. Ihre Reaktionen auf die Botschaften der maskierten Männer schwanken zwischen Verständnis und Ablehnung. Einer der Jugendlichen meint, dies seien Männer, die zu sehr in die Enge getrieben wurden. Sie hätten womöglich Angst und wollen mit ihren Waffen Rache nehmen. Man kenne die Vorgeschichte der auf dem Video maskierten Männer nicht, meint ein andere 17-Jähriger, der selbst vor dem Tschetschenienkrieg geflüchtet ist. Vielleicht haben sie ihre Eltern verloren und wollen nun Rache nehmen.

Im Nebenraum, bei einer kleinen Diskussionsrunde, wird einem 15-Jährigen vorgeworfen, er sei wohl ein IS-Anhänger, weil er ein Leibchen mit ihrem Symbol, dem Siegel des Propheten, anhat. Es ist das Siegel des Propheten, das jetzt von IS verwendet wird. Ein 18-Jähriger meint, das habe das Zeichen des Islam beschmutzt, denn jeder, der es sieht, denke sofort an Terroristen, an ISIS.

Überhaupt sind Begriffe wie islamischer Staat und Kalifat positiv besetzt, aus Sicht dieser muslimischen Jugendlichen. Schon deshalb scheinen sie sich schwer zu tun, sich vom IS-Terror abzugrenzen. Einer der Burschen zeigt sogar Bewunderung für die Kämpfer. Ihm ist es lieber, sie kämpfen wie Männer und praktizieren ihren Glauben, anstatt nur Blödsinn zu machen. Denn viele Muslime kämen nach Wien und vergessen ihre Religion. Jungs würden Augenbrauen zupfen, Mädchen mit Kopftuch und engen Leggings halbnackt herumrennen, meint der 18-Jährige. Angesichts solcher Sitten wäre es in Syrien besser, wenn er den Mut hätte, würde er vielleicht selbst hinfahren. Er selbst sehe keinen Grund in Österreich zu bleiben, er ist chancenlos. Er wohne in einem Gemeindebau mit vielen Österreichern, die nicht nett zu ihm sind. Nicht, weil sie ihn nicht mögen würden, sondern weil sie Angst vor ihm haben, sagt er. Weil er den Ramadan praktiziert und gefastet habe, wurde er gekündigt und hat seinen Arbeitsplatz verloren, meint er.

Von klein auf Terroristen

Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung in einer Zeit der Suche nach dem Sinn im Leben kann Radikalisierung bei pubertierenden Jugendlichen verstärken, sagt Manuela Synek, Geschäftsführerin der Back Bone Jugendarbeit. Muslime haben das Gefühl, man begegne ihnen hier als Terroristen, womit sie von klein auf konfrontiert sind. Sie stünden in einem Eck, aus dem heraus zu kommen aus es nur zwei Möglichkeiten gibt, die Aggression oder die Auto-Aggression.

Auch Religionsgelehrte kommen zu den Diskussionsabenden mit rund 30 Burschen. Vielleicht mit ein Grund, dass die meisten den aus Wien stammenden Syrien-Kämpfer Firas H., der über Facebook Propaganda macht, skeptisch sehen. Einer der jungen Burschen sagt, er kenne Firas persönlich. Das was er tue, habe nichts mit dem Islam zu tun, er wolle Aufmerksamkeit erregen. Ein anderer meint, es sei nicht normal und nicht menschlich, Videos ins Internet zu stellen, auf denen man Menschen die Köpfe abschneidet.

Einer der Burschen hält dem entgegen, dass Israel auch Palästinenser umbringen würde, doch Israel werde von niemandem kritisiert. Die Bilder vom Gaza-Krieg haben die jungen Muslime am meisten emotionalisiert. Das Jugendzentrum hat deshalb ein Spendenprojekt für ein jüdisch-arabisches Friedensprojekt gestartet. Aus Zorn soll positive Energie werden. Der Sozialarbeiter Fabian Reicher zeigt sich fest überzeugt, dass es wesentlich sei, den jungen Männern das Gefühl von Respekt und Anerkennung zu vermitteln. Bisher jedenfalls sei keiner seiner Schützlinge endgültig der Kriegs-Propaganda erlegen.