Der japanische Film "Still the Water"

Autorenfilmerin Naomi Kawase hat ihren Film heuer bereits im Wettbewerb von Cannes präsentiert, wo sie mittlerweile Dauergast ist. Im Mittelpunkt stehen zwei Jugendliche mit ihren privaten Tragödien, eine wichtige Rolle spielt aber auch der Schauplatz des Films:

Eine abgelegene japanische Insel, die nicht nur durch ihre Naturlandschaften beeindruckt, sondern auch durch ihre uralten, dabei aber höchst lebendigen, Traditionen.

Kulturjournal, 29.10.2014

Er führt in die Irre, der Filmtitel "Still the Water", denn von ruhigen Wassern kann keine Rede sein. Hier geht es nicht um die spiegelglatte Oberfläche des Ozeans, sondern um seine wild brandenden Wellen. Die spülen eines Tages einen Toten an den Strand der Insel Amami. Kaito und Kyoko, beide sechzehn und verliebt, sind dabei, als die Polizei die Leiche sicherstellt.

Der Verdacht erhärtet sich, dass es sich bei dem Mann um den Liebhaber von Kaitos Mutter handelt und damit sind wir mitten in den privaten Problemen der beiden jungen Menschen. Kaito leidet nämlich seit langem schon unter der Trennung seiner Eltern, noch schlimmer getroffen hat es jedoch Kyoko, die mit dem langsamen Sterben ihrer unheilbar kranken Mutter fertig werden muss.

Die Insel und ihre Bewohner

Dass Regisseurin Naomi Kawase ihre Geschichte auf der Insel Amami spielen lässt, hat biografische Gründe: "Ich entdeckte, dass meine Vorfahren von dieser subtropischen Insel stammen. 2008 fuhr ich nach Amami und erfuhr dort, dass meine Urgroßmutter dort Schamanin war. Vielleicht trage ich da ja ein geheimes Erbe in mir."

Wem bei solchen Sätzen die Warnleuchten angehen, der sei beruhigt: Die Geschichte, die Naomi Kawase erzählt, ist weit entfernt von jeglichem esoterischen Kitsch. Die Ganzheitlichkeit, die ihren Film trägt, ist ganz natürlich und ungezwungen Teil des Denkens der Inselbewohner und kommt ohne pseudophilosophisches Geschwafel aus. Kyokos sterbende Mutter ist Schamanin und Kawase hat ihre Schauspielerin schon lange vor Beginn der Dreharbeiten auf die Insel geschickt, um in die besondere Atmosphäre dort einzutauchen.

"Die Rückkehr ins Heimatdorf"

Eine der eindrücklichsten Szenen des Films ist der Tod der Mutter. Das halbe Dorf hat sich um ihr Sterbebett versammelt. Und als sich die Mutter zum Abschied ein Lied wünscht, stimmen alle ein in den Gesang. Naomi Kawase: "Bei den Inselbewohnern fiel mir auf, dass sie keine negative Einstellung zum Tod hatten. Ganz im Gegenteil. Wenn dort jemand stirbt, sagt man, er wäre in sein Heimatdorf zurückgekehrt und diese Rückkehr an einen altbekannten Ort vermittelt ein Gefühl der Sicherheit. Ich habe einen großen Respekt vor dieser Philosophie und die ist in den Film eingeflossen."

Naomi Kawase Drama "Still the Water" bewegt sich aber nicht in einer anachronistischen, nach außen hin abgeschotteten Parallelwelt. Alle Figuren stehen mit beiden Beinen fest in der Gegenwart. Und genau das macht den Zauber von Kawases Film aus. Dass hier nämlich Tradition und Hypermoderne nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern dass beide Welten ganz selbstverständlich ineinander übergehen können.

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Viennale - Still the Water