In Beton gegossene Utopien
Kay Walkowiak. "A Different Order"
Im Rahmen der Vienna Art Week zeigt der Kunstraum Franz Josefs Kai 3 in den Räumlichkeiten der ehemaligen BAWAG Contemporary junge Kunst aus Österreich. "A Different Order" heißt die Ausstellung, die der Österreicher Kay Walkowiak gemeinsam mit der indischen Künstlerin Nandita Raman konzipiert hat.
8. April 2017, 21:58
Walkowiak hat bei Erwin Wurm Bildhauerei studiert und arbeitet mit den Medien Video und Skulptur. Inspiration findet der Künstler unter anderem in Indien.
Kulturjournal, 21.11.2014
Am nebelverhangenen Horizont tauchen verhüllte Gestalten auf, bewegen sich langsam, leicht nach vorne gebeugt durchs Bild und verschwinden wieder. Man kommt nicht umhin an ein Gemälde von William Turner zu denken, das von Geisterhand animiert worden ist. Wie von Geisterhand entsteht auch der Ort, an dem der junge Künstler Kay Walkowiak gedreht hat.
Walkowiak hat die Siedlung besucht, die anlässlich des hinduistischen Maha-Kumbh-Mela-Festes nahe der indischen Stadt Allahabad entsteht: An einem rituellen Ort am Ufer des Ganges entsteht eine riesige Zeltstadt, Stromkabel werden verlegt und 47.000 Toiletten aufgestellt. Eine temporäre Siedlung, die alle zwölf Jahre auf- und wieder abgebaut wird, um sagenhafte 40 Millionen Pilger aufzunehmen. Maha-Kumbh-Mela ist das größte Fest der Welt.
Chaos und Ordnung
Die Siedlung des Maha-Kumbh-Mela-Festes entsteht spontan, ist ein Stück informeller, temporärer Architektur, chaotisch. In Indien wird über die Umweltschäden, die der gigantische Massenauflauf verursacht heftig diskutiert. Dennoch: Die Siedlung scheint ihren Zweck zu erfüllen. Im Gegensatz dazu die Stadt Chandigarh. Eine Planstadt, die le Corbusier am Fuße des Himalaya aus dem Boden gestampft hat. In den 1950er Jahren war das. Kurz nach der Unabhängigkeit Indiens.
Kay Walkowiak setzt in seinen Videoarbeiten die Siedlung des Maha-Kumbh-Mela-Festes und Chandigarh in Bezug zueinander. Zwei diametral entgegengesetzte Orte. Zwei Utopien: Da modernistische Planstadt, die eine neu Gesellschaft hervorbringt, dort die chaotisch anmutende Zeltstadt, ein Ort des Transits am Weg zur Erlösung. "Es gibt die Vorstellung, dass man sich an diesem Ort zu bestimmten Planetenkonstellationen waschen muss, um irgendwann aus dem Reinkarnationszyklus auszusteigen", so Kay Walkowiak.
In Beton gegossene Utopien
In seiner Videoarbeit "Body of Concrete" zeigt Walkowiak karge, menschenleere Plätze, Balkone voll Gerümpel, Brunnenanlagen ohne Wasser, eine in Beton gegossene Utopie, die - so scheint es - gescheitert ist. Le Corbusiers modernistische Wohnmaschine hat keine neue Gesellschaft hervorgebracht. Im Gegenteil: Rund um Chandigarh breiten sich Slums aus. Ergänzt werden die Skulpturen und Videoarbeiten Kay Walkowiaks mit Arbeiten der indischen Künstlerin Nandita Raman. Auch sie beschäftigt sich mit dem Begriff der Utopie etwa in Form von Spiegelskulpturen, die Utopia im Jetzt und Hier verorten, im wechselnden Bild, das der Spiegel reflektiert.
Service
Vienna Art Week – A Different Order
Die Ausstellung "A Different Order" ist noch bis 29. November im Franz Josefs Kai 3 zu sehen.
