Valerie Fritschs Roman "Winters Garten"

Valerie Fritsch gehört zu den großen Hoffnungen der österreichischen Gegenwartsliteratur. In ihrem neuen Roman "Winters Garten" erzählt die Autorin eine mythische Geschichte, die von einem paradiesischen Garten in eine apokalyptische Stadtlandschaft führt.

Kulturjournal, 27.4.2015

Ihren ersten Roman hat Valerie Fritsch mit 22 herausgebracht; ein Bildband mit Reisebriefen und ein Lyrikband folgten. Jetzt hat die Schriftstellerin und Fotokünstlerin ihren neuen Roman "Winters Garten" beim renommierten Suhrkamp-Verlag herausgebracht: eine mythische Geschichte, die von einem paradiesischen Garten in eine apokalyptische Stadtlandschaft führt.

Für ihre bildmächtige und metaphernreiche Sprache hat die junge Autorin hymnisches Lob geerntet. Büchner-Preisträger Josef Winkler meinte über Fritsch bereits: "Da kann man Gift oder Gegengift drauf nehmen, ich bin mir sicher, dass mit Valerie Fritsch ein Prosatalent in der österreichischen Gegenwartsliteratur aufgetaucht ist, von dem man noch viel hören wird."

Vom paradiesischen Garten bis zur Apokalypse

Ein riesiger Garten, eine Naturkommune, gegründet "von Fabrikantensöhnen und schmallippigen Asketen" steht am Beginn von Valerie Fritschs Roman "Winters Garten". Dort kommt ihr Protagonist Anton Winter zur Welt, und dort verlebt er bei den Großeltern eine träumerisch, unbeschwerte Kindheit. Jahrzehnte später treffen wir ihn wieder: Anfang vierzig ist Anton Holzer jetzt, ein notorischer Einzelgänger, der auf einem Hochhausdach Vögel züchtet und in einer Stadt lebt, die ihre letzten Tage bis zum endgültigen Untergang zählt.

Gerade 150 Seiten stark ist Valerie Fritschs Roman und spannt doch einen geradezu biblischen Bogen vom paradiesischen Garten bis zur Apokalypse. Endzeitstimmung herrscht in der Stadt am Meer, die urbane Ruinenlandschaft wird von wilden Hunden durchstreift, die Toten werden in Mülltonnen verbrannt und an den Samstagen trifft man sich zu Massenselbstmorden. Es ist eine Liebe auf den letzten Blick, mit der Valerie Fritsch ihre untergehende Welt beschreibt.

Die Erzählweise der 25-jährigen Fritsch bewegt sich nahe am Mythos und am wilden Denken, wie es der Ethnologe Claude Levi-Strauss beschrieben hat. Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart, Pop-Kultur und Naturwissenschaft stehen in ihrer metaphernreichen Sprache gleichrangig und ununterscheidbar nebeneinander. Daneben sind es vor allem ausgedehnte Reisen, die das Schreiben von Fritsch antreiben. Wobei es weniger reale Orte, Mentalitäten und fremde Sprachen sind, die sie inspirieren.

Fixe Schreibzeiten kennt Fritsch dabei nicht. Ihre Bücher können überall und jederzeit entstehen. Intensiv und rauschhaft ist die Sprache von Valerie Fritsch und voller ungewöhnlicher und origineller Metaphern. Und wo in einer untergegangenen Welt noch Joy Divisions "Love will tear us apart" nachhallt, freut man sich schon auf den Neubeginn nicht nur einer neuen Welt, sondern auch eines neuen Romans der jungen Autorin.

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Valerie Fritsch, "Winters Garten", Roman, Suhrkamp

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