"Die Tagespresse" demokratisiert Medienlandschaft

"Asylmissbrauch-Missbrauch steigt dramatisch an", "Forscher präsentieren erstes Baby aus dem 3D-Drucker", oder "Faymann spricht Machtwort: Keine Koalition mit NSDAP" - mit Schlagzeilen wie diesen sorgt die satirische Website "Die Tagespresse" seit zwei Jahren für Aufsehen und so manche Verwirrung. Hinter der beliebten österreichischen Seite steht kein Verlagsimperium, sondern der 24-jährige Fritz Jergitsch.

Morgenjournal, 13.7.2015

Vor einem Jahr wurde er zum "Onliner des Jahres" gekürt, seine Artikel, die auf Facebook geliked und geteilt werden, sind auch als Buch erschienen und erfreuen sich steigender Beliebtheit. Was er mit seiner Seite bewirken will und kann, und welche Mechanismen zum enormen Erfolg geführt haben, das hat er Ö1 verraten.

Wie wenig Erfahrung man in Österreich noch vor zwei Jahren mit Satire hatte, zeigt die Tatsache, dass die ersten Artikel, die Fritz Jergitsch auf seinem Onlineportal veröffentlichte, durchaus für bare Münze genommen wurden - etwa jener, wonach Edward Snowden in Wien gelandet sei, weil er auf die Trägheit der österreichischen Justiz vertraue.

Katholische Kirche entsendet Känguruh Keuschi

"Am Anfang gab es auch einen Artikel über das Känguruh Keuschi, das die katholische Kirche in die Schulen schickt, und das dort sexuelle Enthaltsamkeit unterrichten soll - damals kannte noch fast niemand 'die Tagespresse'", erinnert sich Jergitsch. "Angeblich hat auch die Erzdiözese wütende Anrufe bekommen und der Kardinal Christoph Schönborn musste das auf seiner Seite dementieren."

Mittlerweile kennt man "Österreichs seriöseste Onlinezeitung", als die sie sich selbst bezeichnet. Rund 1,3 Millionen Zugriffe verzeichnet man im Monat und rund 400.000 Stammleser. Der 24-jährige ehemalige Volkswirtschaftsstudent Fritz Jergitsch kann heute von den Werbeeinnahmen leben, zwei freie Mitarbeiter finanzieren und wurde im Vorjahr als "Onliner des Jahres" ausgezeichnet. Der schnelle Erfolg hat ihn selbst überrascht.

"Es ist doch auch exemplarisch, wie das Internet die Medienlandschaft demokratisiert und Menschen wie mir ermöglicht, viele Menschen zu erreichen." Nirgends verbreiten sich sarkastische Headlines und fiktive Politiker-Aussagen so schnell wie auf Facebook und Twitter. "Insofern kann ich sagen, dass der Erfolg der 'Tagespresse' eigentlich ganz allein auf Facebook oder den Mechanismus mit dem Facebook Inhalte schnell verbreitet."

"Bis in die Absurdität übertreiben"

Dass sich mit Satire und Humor auch kritische Inhalte besser transportieren lassen zeigt eine Studie aus den USA: Sie besagt, dass sich die meisten jungen Leute über aktuelle Ereignisse nicht über klassische Nachrichtenseiten informieren sondern über die "Daily Show" von Jon Steward. "Wenn wir eine gewisse Situation kritisieren wollen, filtern wir die negativen Aspekte heraus und übertreiben sie bis in die Absurdität und machen sie dadurch sichtbarer", so Jergitsch.

Sinnlos provozieren will Jergitsch nicht, man versuche immer ein legitimes Zielt zu haben und die da oben zu kritisieren und nicht die da unten. Die Frage wieweit Satire gehen darf, die ja in diesem Jahr durch die Ereignisse in Frankreich besonders aktuell wurde, sei zwiespältig: "Generell sind religiöse Themen für uns nicht tabu - und Anschläge wie auf die 'Charlie Hebdo'-Redaktion bringen einen schon ins Grübeln, aber ich sehe 'die Tagespresse' nicht in Gefahr und wir haben keine Drohungen bekommen. Außerdem halte ich 'die Tagespresse' nicht für ein übermäßig provokatives Satire-Blatt."

1,2 Millionen Zugriffe

Den bisher erfolgreichsten Artikel, mit 1,2 Millionen Zugriffen hatte "die Tagespresse" vorigen November mit dem Titel "Aufnahmebestätigung der Kunst-Uni erst jetzt an Adolf Hitler zugestellt. Brief lag jahrelang auf Postamt herum". Die Post bedauere den Fehler, und will allen Volksgruppen und Minderheiten, die dadurch Schaden erlitten haben, fünf Prozent Rabatt auf die Briefmarken-Sonderedition Zweite Republik gewähren.

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