Jugend stürmte die Bregenzer Seebühne

Bevor am Mittwoch die 70. Bregenzer Festspiele mit Puccinis "Turandot" beginnen, hat die Jugend auf der Seebühne das Sagen. Beim einwöchigen Bandworkshop "crossculture week" erarbeiteten junge Künstlerinnen und Künstler ihre eigenen oder Cover-Songs, die sie am Samstagnachmittag auf dem Platz vor der Seebühne dem Publikum präsentierten.

Kulturjournal, 20.7.2015

"Crossculture" - Jugendprogramm in Bregenz

Das Bregenzer Theater Kosmos klingt und schallt aus jedem Winkel, Schlagtechniken werden ausprobiert, Stimmen und Stimmungen erprobt und passende Klavierpatterns ausgetüftelt. 18 Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren haben sich hier zusammengefunden, um eine ganze Woche lang ihre Lieblingssongs selbst zu singen und zu spielen.

Bandworkshop für Profis von morgen

Seit acht Jahren ist der Workshop fixer Bestandteil der Bregenzer Festspiele. Er richtet sich sowohl an erfahrene Musiker/innen als auch an interessierte Anfänger, erzählt Simon Kräutler, Leiter der Workshop-Woche und einer von insgesamt fünf Instrumental- und Stimmcoaches. Das dichte Programm reichte von der Auswahl der Songs über die Zusammenstellung der Bands bis zum konzertreifen Arrangement und dem Auftritt am Samstagnachmittag. Manche Teilnehmer spielen seit Jahren ein Instrument oder nehmen Gesangsunterricht. Andere hat die Neugier und die pure Lust am Musikmachen zum Workshop gebracht.

Technisches Know-how und Lust am Musizieren

Die Coaches sind als freischaffende Profimusiker tätig. Im Workshop geben sie ihr Know-how an die Nachwuchskünstler weiter, zum Beispiel, wenn es um die richtige Songbegleitung oder den professionellen Umgang mit dem Bühnenmikrophon geht. Der Workshop versteht sich als gute Ergänzung zur Musikschule, wo der Unterricht oft sehr statisch und reglementiert abläuft. Hier dürfen alle nach Herzenslust drauf los musizieren, auch auf Instrumenten, die sie eigentlich gar nicht beherrschen.

"Wir haben immer wieder Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die zum Beispiel am Abschlusskonzert E-Bass spielen, obwohl sie das Instrument vor dem Workshop nie in der Hand hatten", erzählt Simon Kräutler, "oder dieses Jahr gibt’s eine Sängerin, die aus Interesse am Schlagzeugworkshop teilnahm und nun erstmals bei einem Song Schlagzeug spielt. Diese Freude, Neues auszuprobieren, macht diese Woche so interessant und schön."

Letzter Feinschliff & großer Auftritt

Am Freitagnachmittag dann die letzten Proben. Alle 14 Songs werden noch einmal durchgespielt, letzte Anweisungen der Coaches, letzte Feinabstimmung. Und bei aller Spiellust noch einmal Konzentration auf Takt und Rhythmus. Viele sind schon zum zweiten Mal oder öfter dabei, und spätestens nach dem absolvierten Auftritt vor Publikum wird auch die neuen Teilnehmer das Fieber packen, weiß Simon Kräutler aus Erfahrung. "Spätestens, wenn sie da oben auf der Truck-Bühne stehen, sind sie völlig begeistert."

Die Bregenzer Festspiele stellen Raum und Equipment zur Verfügung und gewährleisten die Rahmenbedingungen für Proben und Konzerte, von der Soundanlage bis zur Truck-Bühne. Am Samstagnachmittag schließlich dann der große Auftritt: Auf dem Vorplatz des Festspielhauses rocken die jungen Künstlerinnen und Künstler vor einer wachsenden Zuschauerschar.

"Crossculture Night" auf der Seebühne

Nach dem erfolgreich absolvierten eigenen Konzert steht um 21.15 Uhr der gemeinsame Opernbesuch auf der Seebühne an. Zur Einstimmung und Klärung letzter Details stehen den ganzen Tag über zahlreichen Workshops, Führungen und Kurse offen - für die Teilnehmer der "crossculture week" ebenso wie für alle anderen interessierten Jugendlichen aus der Region.

Seit zehn Jahren besteht dieses Angebot der "crossculture night", und 5.200 junge Festivalbesucher haben es auch dieses Jahr wieder intensiv genutzt. Es geht darum, die jeweilige Produktion auf dem See näher kennen zu lernen und zugleich selbst kreativ zu sein, erzählt die Programm-Verantwortliche Nina Wolf.

Turandot spielen, "Nessun dorma" singen

Zum Beispiel im nachmittäglichen Opernworkshop. Wer selbst einmal in die Rolle von Turandot, Calaf und Co schlüpfen wollte, hatte hier die ideale Gelegenheit. Szene für Szene wurde die Oper mit verteilten Rollen und im Kostüm nachgespielt. Begeisterte Sängerinnen und Sänger kamen in der Gesangsklasse nebenan auf ihre Kosten. Unter professioneller Anleitung studierten sie gemeinsam die wohl bekannteste Arie der Oper ein, "Nessun dorma".

Wer - statt selbst zu singen und zu spielen - lieber die Technik und das rege Treiben hinter der 72 Meter langen Chinesischen Mauer auf dem Bodensee erkunden wollte, konnte das bei einer der begehrten Backstage-Führungen tun. In der Maskenwerkstatt entstanden Gipsmasken wie sie die Chormitglieder auf der Bühne tragen und im Tanztraining konnten die Choreografien der Akrobaten, Ribbon Dancer und Schwertkämpfer im Stück selbst erlernt werden, bevor schließlich um 21.15 Uhr die Wiener Symphoniker zum ersten Akkord anhoben. Das junge Publikum zeigte sich begeistert und zollte dem Ensemble am Ende minutenlangen Beifall.

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