Die Liebenden von Mantua

2007 fand man in einem Vorort von Mantua zwei Skelette, die einander umarmen - "Romeo und Julia aus der Steinzeit". Auf diesem überraschenden archäologischen Fund beruht der zweite Roman von Ralph Dutli. Hat man ihn gelesen, möchte man Mantua unbedingt besuchen, so plastisch und detailreich sind die Beschreibungen von Fresken, Plätzen und Gebäuden.

Und vor allem sind diese Beschreibungen nie leerlaufendes Beiwerk, sondern Teil des Feuerwerks von Lebens- und Weltkonzepten, das in den Dialogen zwischen den Romanfiguren abbrennt.

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Ralph Dutli, "Die Liebenden von Mantua", Wallstein Verlag

Der in Heidelberg lebende Schweizer Autor hat in den vergangenen zwanzig Jahren erhellende Essays über Poesie geschrieben, vornehmlich die russische. Er hat sich ausführlich mit Ossip Mandelstam beschäftigt, dessen Gesamtwerk übersetzt und eine Biografie über den 1938 in einem Lager verstorbenen Dichter verfasst. Ralph Dutli hat selbst Gedichte veröffentlicht, vor zwei Jahren dann seinen ersten Roman "Soutines letzte Fahrt".

"Die Liebenden von Mantua" führt zwei Journalisten in das Mantua des Jahres 2012. Die Stadt hat das Erdbeben hinter sich, und die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise sind allenthalben zu spüren. Manu und Raffa haben sich in Paris kennengelernt und dann aus den Augen verloren. Weil Raffa eine Reportage über die Stadt nach dem Erdbeben schreiben und Manu dem Geheimnis der Liebenden von Mantua nachgehen will, treffen sie einander unerwartet wieder. Das Geheimnis: In Dutlis Roman sind die beiden Skelette nämlich verschwunden. Und als sich Manu zu sehr für dieses Verschwinden interessiert, wird er prompt entführt. Ein Krimi kommt in Gang.

Es ist nicht die Handlungsführung, durch die Dutlis Roman beeindruckt. Es sind die Auseinandersetzungen über Enthusiasmus und Vernunft, über die institutionalisierte Religion, die einmal "Ort einer religiösen Notdurft" genannt wird, und die Ekstase. Faszinierend ist, wie Dutli dem enthusiastischen Denken eine Bühne bietet und es dann dekonstruiert. Das gelingt deswegen so überzeugend, weil der geniale Wort-Erfinder Dutli über die Sprache verfügt, die den ekstatischen Eruptionen angemessen ist.

Auf der vorletzten Seite des Romans fließt die Erfahrung derer, die die große Liebe ihres Lebens nicht vergessen können, in einen einzigen Satz zusammen: "Denn es gibt keine größere Einsamkeit … als die Erinnerung an Wunder."

Lange kannte man Ralph Dutli vor allem als wortmächtigen Übersetzer von Ossip Mandelstam. Nach seinen zwei letzten Büchern verwundert es, dass er den genialen Romancier, der in ihm steckt, solange zu verbergen vermochte.