Ein Jahr nach Nemzow-Mord

Heute vor genau einem Jahr ist einer der bekanntesten Politiker Russlands ermordet worden: Boris Nemzow. In Blickweite des Kremls wurde er auf offener Straße erschossen. Nemzow war ein leidenschaftlicher Kämpfer für die Demokratie, unter Präsident Jelzin als Gouverneur und Vize-Regierungschef, unter Putin dann in scharfer Opposition zur Politik des Kremls.

Der mutmaßliche Todesschütze und seine Helfer sitzen inzwischen in Untersuchungshaft, wer den Mord an Nemzow aber in Auftrag gegeben hat, ist offen - und wird wohl, so sind viele in Russlands überzeugt, nie geklärt werden.

Morgenjournal, 27.2.2016

Auf der Brücke über den Fluss Moskwa direkt neben der Kremlmauer, dort wo vor genau einem Jahr Boris Nemzow erschossen wurde, stehen Dutzende Kübel mit Blumensträußen, dazwischen große Fotos des bekannten Politikers.

„Auch ich hab heute Blumen gebracht“, sagt eine Pensionisten. Sie kann es immer noch nicht fassen, dass es jemand gewagt hat, hier in Blickweite des russischen Zentrums der Macht einen Mord zu verüben, und das an einem Menschen, den sie für den begabtesten Oppositionspolitiker des Landes gehalten hat, jemanden, der es, so meint sie, vermocht hätte, das Land in eine andere, demokratische Richtung zu führen.

„Die Mächtigen im Land lassen es ja nicht einmal zu, dass hier eine Gedenktafel für Nemzow angebracht wird“, klagt der Computertechniker Viktor. Er kommt mindestens einmal pro Woche auf die Brücke und hält dann gemeinsam mit anderen Wache, damit zumindest die provisorische Gedenkstätte hier nicht zerstört wird, die Blumen und die Fotos nicht weggeräumt werden.

Doch sie werden weggeräumt, immer wieder, vom zuständigen Straßenkehrdienst: „In diesem Monat haben sie die Gedenkstätte schon viermal verwüstet“, erzählt Viktor und meint, der Kreml wolle eben nicht, dass man sich an Nemzow erinnere. Und der Kreml werde auch nie zulassen, dass die Wahrheit darüber zutage kommt, wer diesen politischen Mord verübt hat, sind alle überzeugt, die hier gerade Blumen niederlegen. Doch was ist die Wahrheit?

Schanna Nemzowa, die älteste Tochter Boris Nemzows, gibt Präsident Putin zumindest die politische Verantwortung für den Mord. Putin, so meint Nemzowa, habe schließlich ein Klima in Russland geschaffen, in dem Kritiker des Kremls wie ihr Vater als Verräter und Volksfeinde gegolten haben. Die Schüsse auf Nemzow abgefeuert haben soll aber ein Polizeioffizier aus Tschetschenien, er sitzt mit vier mutmaßlichen Helfern, alle ebenfalls aus dem Kaukasus, in Untersuchungshaft. Doch diese 5 waren wohl nur die Ausführenden, nicht die Auftraggeber des Mordes, sind Wegbegleiter Nemzows überzeugt, so etwa der Oppositionspolitiker Ilja Jaschin.

„Ich bin überzeugt, dass Kadyrow hinter dem Mord an meinem Freund Nemzow steht“, so Jaschin diese Woche bei einer Pressekonferenz. Der Präsident Tschetscheniens also als Drahtzieher? Es ist dies eine Theorie, die der Historiker und Tschetschenienexperte Alexej Malaschenko vom Moskauer Carnegie-Zentrum nicht teilt:

Eines der Ziele, das mit diesem Mord erreicht werden sollte, war meiner Meinung nach, die Beziehungen zwischen Putin und Kadyrow zu trüben.

Auch ein Jahr nach der Tat bleibt also viel im Dunkeln, und daran wird sich auch nichts ändern, meint Malaschenko.

Es hat schon so viele politische Morde in Russland gegeben, die nicht aufgeklärt wurden, und auch im Fall Nemzow wird man nie mehr erfahren als verschiedene Gerüchte, ist der Historiker überzeugt.